Wintersemester 2012/13
Vorlesung Anthropologie I


ORGANMODUS OHR
Eine Audiophilosophie für das Auditorium

 
Fr., 19. Okt. 2012
Fr., 9. Nov. 2012
Fr., 23. Nov. 2012
Fr., 30. Nov. 2012
sowie ein Prüfungstermin

Hörsaal M20,  9.00 – 12.00 Uhr und 14.00 –16.00 Uhr

Dass der Mensch zwei Ohren hat scheint mindestens so grundlegend für seine Verfassung zu sein wie sein Augenbesitz. Der Vorrangstellung des Sichtbaren, also des Augenmodus, gegenüber den anderen solchen Modi (nach Erik H. Erikson) soll in dieser Vorlesung der Rang abgelaufen werden, indem gezeigt wird, dass und wie ein urtümliches und damit erstrangiges Weltverhältnis eigentlich durch das Hören begründet ist. Dass man im Hören oder durch Hörbares berauscht wird, begründete erst den Einsatz von Beschallung auf kunstvolle und weniger kunstvolle Weise, von der dionysischen Entgrenzungsmusik bis zur Disziplin- und Ermutigungsmusik im Takt des Marsches. Aus philosophischer Sicht ist die Hörbarkeit der eigenen Sage auf ihre bewusstseinslogischen Effekte hin zu befragen. Diese »akustische Reflexion«, die keines Spiegels bedarf, stellt das Subjekt in erweiterte Selbst- und Weltverhältnisse hinein und verhält sich antithetisch und auflösend gegenüber der Stabilisierungstendenz durch Selbstbilder.

Selbstredend wird in diesem Zusammenhang die gewisse Weiblichkeit des Ohres eine Rolle spielen, d.h. es werden genderspezifische Belange besondere Berücksichtigung finden.

Die Vorlesung stellt grundlegende Texte aus der Geschichte und Philosophie des Hörens vor, sowie auch Klangbeispiele aus unterschiedlichen Kulturen zwischen Musik und Krach.

 

Audio- und Video-Mitschnitte der Vorlesung

19. Oktober 2012

(Vortrag Bernhard Leitner)

30. November 2012

25. Jänner 2013

 
Literaturliste zur Vorlesung

Chladni, Ernst Florens Friedrich: Entdeckungen über die Theorie des Klanges. Neue Beyträge zur Akustik.  Fotomechan. Neudr. d. Orig.-Ausg. 1787. Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1980.

Hegel, Georg Willhelm Friedrich: Hauptwerke: In 6 Bänden. Bd. 6 Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Felix Meiner, Hamburg 1999. S. 297-300.

Hegel, Georg Willhelm Friedrich (hg. v. Annemarie Gethmann-Siefert): Vorlesungen: ausgewählte Nachschriften und Manuskripte. Bd. Vorlesungen über die Philosophie der Kunst. Felix Meiner, Hamburg 1998. S. 262-270

Nancy, Jean-Luc (Übers. v. Esther von der Osten): Zum Gehör. Diaphanes, Zürich u. a. 2010.

Tomatis, Alfred A. (Übers. v. Hainer Kober) : Der Klang des Lebens. Vorgeburtliche Kommunikation - Die Anfänge der seelischen Entwicklung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990.

Tomatis, Alfred A. (Übers. v. Lorenz Haifliger): Das Ohr und das Leben. Erforschung der seelischen Klangwelt. Walter, Düsseldorf, Zürich 1995.

Theodor W.Adorno: Dissonanzen. Einleitung in die Musiksoziologie, Gesammelte Schriften Band 14, 1997, besonders: Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens

Jean-Luc Nancy: Zum Gehör, aus dem Französischen von Esther von der Osten, Zürich-Berlin 2010

Alfred A.Tomatis: Klangwelt Mutterleib. Die Anfänge der Kommunikation zwischen Mutter und Kind, München 1994

Ernest Ansermet: Die Grundlagen der Musik im menschlichen Bewusstsein, 4.Auflage München 1985

Thomas Hecken: Populäre Kultur, Bochum 2006

Jacques Derrida: Die Stimme und das Phänomen, Frankfurt/Main 2003

Johannes Kepler: Weltharmonik, in: Was die Welt im Innersten zusammenhält, hg. von Fritz Krafft, Wiesbaden 2005