Sommersemester 2011
Vorlesung Anthropologie II


PSYCHOTECHNIK (= KONFUSION II)
Anthropologie zwischen Politik und Business oder:
Das Drama des zwanzigsten Jahrhunderts

Während sich das neunzehnte Jahrhundert zu einer radikalen Idee der multiplen Subjektivität oder der überlappenden Subjektivitäten vorangearbeitet hat (Stichworte: Neomonadologie, Hypnotismus, Suggestionslehre; Autoren: G. Th. Fechner, Arthur Schopenhauer, Max Dessoir, Auguste Forel), geht es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts genau um die technologische Kodifizierung und Ökonomisierung dieser »Überlappungen«. Gesucht wird nach medial gestützten Formen jener »Übertragungen«, von denen Schopenhauer noch als interzerebrale Affektion phantasieren konnte. »Interzerebrale Affektion« kann jetzt sein: Gezielte Information (Reklame, Propaganda), Steuerung der Zuständlichkeit (Radio, Film), Optimierung der Einwirkung von Befehlen (Vertovsche Bewegungsabläufe, Standardisierung von Bewegung, Massierung von sich Bewegenden). Menschen werden als »Produkte« betrachtet, die auf einen einheitlichen, besten Standard zu bringen sind. Das Problem der Ent-Individualisierung im Zuge der Psychotechnischen Bewegung bildet allerdings der Umstand, dass, während sich eine tiefgreifende Verunsicherung hinsichtlich der »Illusion einer Eigensteuerung« ausbreitet, die Vielen anfangen, sich auf das richtige Gesteuertwerden zu verlassen bzw. nach einem »Führer« zu rufen. Die Vorlesung untersucht den Zusammenhang zwischen dem Ich-Zerfall des Fin de Siècle, der Durchsetzung der Mediengesellschaft und den (totalitären) Massenbewegungen. Leitend ist die Frage, in welchem Verhältnis denn Sein und Kommunikation zu denken wären – eine Frage, die nicht zuletzt künstlerische Brisanz besitzt. Also noch einmal: wie steht es mit den gegenwärtigen Verhältnissen in dieser Hinsicht?

Die gender-Frage ist insofern impliziert, als natürlich untersucht werden muss, welche Karriere die Vorstellung der »leichtgläubigen«, »besonders leicht zu hypnotisierenden« und »besonders leicht zu beeinflussenden« Frau im 20.Jahrhundert wirklich durchläuft, weshalb also ein gewisser Reiz darin liegt, Frauen etwa in perfekten maschinenhaften Phalanxes auf Bühnen auftreten zu lassen (Girl Revue).

 
Audio-Mitschnitte der Vorlesungen

5. Juni 2011

     

 

Literaturliste zur Vorlesung

Lektüre-Empfehlung für den Sommer

Dominik Schrage: Psychotechnik und Radiophonie. Subjektkonstruktionen in artifiziellen Wirklichkeiten 1918–1932. München: Fink Verlag 2001.

Bücher von Fritz Giese

Fritz Giese ist ein wichtiger früher Psychotechniker, wird allerdings später Nationalsozialist und sieht im Dritten Reich die Möglichweit gekommen, seine Standardisierungs- und Verbesserungsideen politisch durchzusetzen.

Fritz Giese: Psychoanalytische Psychotechnik. Leipzig: Internat. Psychoanalyt. Verl. 1924. Ebso in: Image, Zs. für Anwendungen d. Psychoanalyse auf d. Geisteswiss., Bd. 10,1.

– ders.: Girlkultur. Vergleiche zwischen amerikanischem und europäischem Rhythmus und Lebensgefühl. München Delphin-Verlag 1925.

– ders.: Körperseele. Gedanken über persönliche Gestaltung. München: Delphin-Verlag 1924.

– ders.: Die Lehre von den Gedankenwellen. Eine parapsychologische Erörterung. 2. Aufl., Leipzig: Altmann 1924.

– ders.: Das außerpersönliche Unbewußte. Theoretische Bemerkungen zum intuitiven Denken. Braunschweig: Vieweg 1924.

– ders.: Kulturwende. Langensalza: Wendt & Klauwell 1916.

– ders.: Handbuch psychodiagnostischer Methoden. 2. Aufl. Halle 1924.

Weitere Literatur

Henry Ford: Das große Heute, das größere Morgen. Leipzig 1927

Hugo Münsterberg: Psychologie und Wirtschaftsleben. Leipzig: Barth 1912 u.ö.

Stefan Rieger: Individualität der Medien. Eine Geschichte der Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt/Main 2001.

– ders.: Die Ästhetik des Menschen. Über die Technik in Leben und Kunst. Frankfurt/Main 2002.

Walter Dill Scott: The Psychology of Advertising. Boston 1908.

Rudolf Seyffert: Die Reklame des Kaufmanns. Leizig: Gloeckner 1914 u.ö.

Frederik Winslow Taylor: Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung. München: Oldenbourg 1913 u.ö.

Für die Prüfung/Präsentation vorgeschlagene Texte

Michel Foucault: »Die Gouvernementalität.« – In: ders., Sicherheit, Territorium, Bevölkerung: Vorlesung am Collège de France 1977–1978. Hrsg. v. M. Sennelart, übers. v. C. Brede-Konersmann. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009.

Bruno Latour: [Ausschnitte aus:] Von der Realpolitik zur Dingpolitik. Oder: Wie man Dinge öffentlich macht. Übers. v. G. Rößler. – Berlin: Merve 2005, S. 73–77, 80–81.

Jürgen Link: Über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999, S. 203–277.

Jakob Tanner: »Weisheit des Körpers und soziale Homöostase. Physiologie und das Konzept der Selbstregulation.« – In: Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Philipp Sarasin und Jakob Tanner. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009, S. 129–169.