"DIES GANZE MUSS SELIG WERDEN."
Zu Friederike Mayröckers Bedeutung in der Gegenwart

 

2010

 

Ihr Astralleib, bestehend aus ihren Gedanken, Ängsten, Aspirationen, der oft mit immenser Sensiblität von etwas was einer sagt, ja von einer bloßen Nachricht, einem ›stummen Niederfallen fremder Sterne‹ tangiert wird –: dies Ganze empfindet sie als ihr Ich; dies Ganze muß selig werden (...). Hugo von Hofmannsthal 1

Mein Text ist der Absicht gewidmet, die zeitgenössische Bedeutung Friederike Mayröckers zu erfassen und zu deuten. Es ist doch verblüffend, wie ungebrochen der Erfolg der Dichterin über die Jahrzehnte hinweg ist. Es ist eben nicht so, dass Mayröcker die Dichterin ihrer Generation geblieben wäre, also eine der Großen, die ihr Gewicht retrospektiv geltend machen müsste. Man könnte sagen, dass ihr großer Erfolg besonders bei den Jüngeren den Beweis einer seltenen, ungebrochenen Zeitgenossenschaft darstellt, deren Logik es zu erfassen gilt. In gewisser Weise, so scheint es, ist die literarische Kunst Mayröckers überhaupt erst heute wirklich angekommen, d.h. das langwierige „Züchten" und Fabrizieren dieses ihr so sehr eigenen Stils bildet ein für die Heutigen in höchsten Maße produktives Kapital. Um diesem zeitgenössischen Erfolg auf die Spur zu kommen, möchte ich etwas weiter ausholen, um in einem Rückgang an den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dessen Signatur einzufangen. Es geht mir darum, in diesem Ausholen sichtbar werden zu lassen, von welcher Art die Hintergründe der Mayröckerschen „Erfolgsstory" sind. Mein Vorhaben ist indes weniger literaturwissenschaftlich oder literaturhistorisch zu verstehen, als vielmehr philosophisch oder bewusstseinslogisch. Mayröckers Schreiben scheint mir einen ganz besonders innigen Bezug zur Transformation des Bewusstseins im 20.Jahrhundert zu haben, und um dieser These gerecht zu werden, ist ein gewisses Ausschweifen wohl unumgänglich. Zunächst also möchte ich den Beginn des 20 Jahrhunderts in eine Echo-Beziehung zum Werk Friederike Mayröckers anordnen um dann, in einem zweiten Schritt, von Nahe zu betrachten, inwiefern Mayröcker diesem unerhört radikalen Horizont eines neuen Bewusstseins, das um 1910 aufscheint, etwas Neues hinzuzufügen hat. Schließlich ermöglicht mir dieses Vorgehen, Grundsätzliches zum Verhältnis zwischen Theorie und Kunst resp. Psychoanalyse und Literatur einzuweben und zur Diskussion zu stellen. In diese ausschweifende Einleitung,die dem Beginn des 20.Jahrhunderts, gewidmet ist, streue ich Zitate aus neueren Mayröcker-Texten ein, damit deutlicher gesehen werden kann, wie verwandt sich die Geister sind.

Die „neuen Affektierten" und ihr vielfältiges Ich um 1900

Es klingt neuerdings die Abschätzigkeit dem neunzehnten Jahrhunderts gegenüber ab, das erst in den späten achtzigern wesentliche Erträge der Kunst – etwa in Form der impressionistischen Malerei - anzubieten gehabt habe. Der kreisenden Reiseform des Geistes zufolge aber wäre zunächst Russland das wichtige gewesen, was aus den fürchterlichen, auf Erschütterung zielenden Romanen und Erzählungen vor allem von Dostojewski hervorgeht, in denen die Helden und Heldinnen laut seufzen, zusammenzucken, sich echauffieren und exaltieren, fortwährend bedroht durch den Ich-Zusammenbruch, hysterisch, epileptisch, toll. In der Melange einer Affektwelt zwischen Organtopologie, evolutionären regressiven feedbacks und erotisierter Innerlichkeit ringt das Subjekt um 1900, immer kurz vor der Krise stehend, um Ausgleich. Es ist also eine substanzielle Vorgeschichte, die die Kunst in eine neue Richtung drängt und der Psychologie beträchtliche neue Aufgaben zuwachsen lässt.

»und ich trank aus der Gummiflasche und meine Nerven waren sehr aufgeregt« 2

»in meinem Schosz die Notizblättchen zwitscherten, während des Schreibens, während ich mich bewegte, während ich sasz, und ich nahm eine höhere Dosis.« 3

Die doppelte Aufgabe wurde in herausragender Weise von den Dichter-Ärzten gestaltet, die ebenso kompetent in die Organgeschichte und Gehirnprobleme „hineinsehen" konnten wie in die Welt der Literatur. Ich greife nun unter den „Kandidaten" einen heraus, die ganz offenkundig keinerlei manifeste Beziehung zu Mayröckers Schreiben hat. Obgleich sie sich auf zahllose KollegInnen explizit bezieht, auf Benn bezieht sie sich nie. Trotzdem oder gerade deshalb kann eine komparatistische Studie gewinnbringend sein. Benn ist nämlich deshalb eine geeignete „Vergleichsgröße", weil er eine ähnlich rasende und zugleich kritische Ich-Bezogenheit artikuliert wie Mayröcker.

Der frühe Gottfried Benn, ein solcher Dichter-Arzt, versteigt sich in seinen Ich-theoretischen Texten (um 1918 „Das moderne Ich", „Das letzte Ich" um 1920 und „Epilog und Lyrisches Ich" um 1921 4) sogar bis hin zu einer „Geologie des Ich" („Der Aufbau der Persönlichkeit", um ca.1928). Nicht dass ich Benn irgendwie in absoluter Weise Vorzug geben würde, aber diese unglaubliche Häufung Ich-bezogener Texte ergibt doch eine äußerst nützliche Konstallation, auch wenn man ansonsten lieber auf den tadellosen Hofmannsthal setzen möchte. In der „Geologie des Ich" verwebt Benn die Motive, deren Synthese als Erbe des 19.Jahrhunderts aufgegeben war, mit seinen eigenen Worten „Ausdruckslehre, Gestalttheorie neben der Psychoanalyse, ...Erbbiologie, Prähistorie, Paläontologie" 5. Die authentischen, also ihr selbst zugänglichen, und die biologischen und historischen, also automatischen Anteile der Persönlichkeit (die sie durch bloßes Menschsein erworben hat) schienen ihm auf die selbe Weise aktiv zu sein. Wenn das aber nun so ist, dass die vielen Anteile an der Person jeweils nach ihrem Ausdruck verlangten, was bedeutet das dann für die Stil- und Strukturfrage in der Kunst? Wien kann die Kunst auch jene Anteile in ihrem Ausdruck gelten lassen, die bisher als nebensächlich, „automatisch", unwillkürlich oder „bewusstlos" gegolten haben mögen?

»Zweihundert Rudimente trägt unsere menschenbiologische Gegenwart in ihrem Körper – wie viel die Seele trägt, sagt keine Zahl.« 6

Jedes der verschiedenen Funktionssysteme würde einen eigenen Logos eintragen, so Benn, denn es wurde

»einmal isoliert gebildet, bedeutete eine eigene bestimmte Entwicklungsstufe, hatte einmal sein Reich und seine Stunde, blickte vielleicht in den mondlosen blauen Himmel des Tertiär, arbeitete vielleicht zusammen mit dem dritten Auge, dem Parietalorgan der diluvialen Medien, dem elektromagnetischen Wunder des Mesozän; erkrankte, verfiel, oder wurde eingebaut in neue Schichtungen und trägt nun heute alt und angereichert alle Schicksale der menschlichen Geschichte von der ersten amorphen Lichtempfindung der zellprimitiven Augenblase bis zum prismenzersplitterten Glanz der Ultraskopie.« 7

Die Erkenntnis, dass ein „Ich" nichts mehr sein kann als vorläufiger Statthalter, syntaktischer Reflex im Sinne eines nun mit halblauter oder sogar kleinlauter Stimme vorgetragenen Anspruchs auf Zeugenschaft, diese Erkenntnis legt Benn in diesem kurzen Text in der Weise aus, dass er dem Ich entweder die ganze Größe der „Welt" einflößen oder ihm seine ausgezeichnete Stellung nehmen will. Am Ende aber

»steht es da, dies Ich, Träger alles erlebten Inhaltes, allem erlebbaren Inhalt präformiert, Anfang und Ende, Echo und Rauchfang seiner selbst, Bewusstsein bis in alle Falten, Apriori experimentell evakuiert, Kosmos, Pfauenrad diskursiver Eskapaden, Gott durch keine Nieswurz zu Geräusch lanciert; - Bewusstsein, fladenhaft, Affekte, Zerebrismen: Bewusstsein bis zur Lichtscheu, Sexus inhärent; Bewusstsein, Fels mit des Königs Inschrift, krank von der Syntax mythischem Du, letzter großer Buchstabe:persisch, susisch, eleamitisch, drohend Gewalt unterworfenen Ebenen: Erbe und Ende und Achämenide.« 8

In seinem Text „Das letzte Ich" legt Benn noch insofern zu, als er dem zerfallenden oder unhaltbaren Ich lyrisch Rosen streut. In malerischer Manier lässt er es in Reihen von blumigen, auf Assoziationskraft gebauten Substantiven „verenden":

»das letzte Ich, Galopp final, malaiig, die Sirifrucht am abgeschliffenen Zahn –: Osiris – Typhon, Gott der Staubgefilde und Gott der Frucht; Adonis, Schattenhaar –: und Doppelblut, schon färbst du ja die Erde, schon malmst du dich in Schatten und in Glanz –: Schlange am Haupt der großen Pharaonen: Fichte in der Mänaden stäubend Heer –: und Lotos Speichernes und Traube Nabe: Sansaras Rad und Schatten-Wiederkehr.« 9

Benns Auseinandersetzung mit dem Thema des Ich läuft durchaus in den Geleisen, in die es bereits um 1905 von denjenigen gesetzt worden war, die sich an Ernst Machs „Analyse der Empfindungen" so weit berauscht hatten, dass sie den breiten Bewußtseinsstrom der Zentralregentschaft des totalen Ich vorzogen. Die Themen, die bei Benn anklingen – die Ich-Philosophie Fichtes und die bestimmt unmittelbar ihr zugehörende nationale Ermahnungslehre, das „Sansara"-Rad der ewigen Wiederkehr, auch die antizipierte Verliebtheit in das eigene Gedruckte („Der Bürger will seinen großen Mann haben - Blende auf, eine Seite Großoktav" 10) und das Thema der „Bisexualität" sind von Hermann Bahr, Fritz Mauthner, Hugo von Hofmannsthal und Fritz Landauer zum Thema gemacht worden, wobei sie weniger die theoretische, als vielmehr die literarische Synthese zur Ich-Frage gesucht haben. Hermann Bahr veröffentlichte 1905 einen kleinen Aufsatz in einem Büchlein, das er Gustav Klimt gewidmet hatte, mit dem Titel „Das unrettbare Ich", welchen er dem Machschen „Knüller" entnommen hatte. Darin skizziert er anhand eines autobiographischen Erlebnisses den Zusammenbruch der Autorität des Vaters und der Entdeckung einer eigenen Motivation, des eignen Wissens, und die diesem Konflikt entspringende Spaltung. Fritz Mauthner wiederum neigt sich in seiner Ich- und Sprachkritik dem spirituellen Weg zu, der er in seiner Schrift „Der letzte Tod des Gautama" entfaltet. Schließlich geht es nicht nur um die Erkenntnis der Löcherigkeit und Vorläufigkeit der Ich-Maske, sondern um die Befreiung aus der zwanghaft mit dieser verbundenen Sprachlichkeit, so daß, wie es heißt, erst zum Schluß, ganz am Ende, kurz vor dem Verlöschen, das innere Dauergespräch beendet wird. Gustav Landauer, der sich expressiv auf Mauthner bezieht, plädiert für eine weniger an den Strukturpfahl der Pronomina hängende „Wortkunst", die „nur Bild in Bildern" sein solle 11. Hofmannsthal wiederum, den Benn in seinem kurzen Text „In Memoriam" würdigt 12, baut auf eine etwas andere Strategie. Nachdem der die berühmte, von Gotthart Wunberg trefflich kommentierte Sprachkrise, die natürlich Ich-Krise war, durch- und überlebt hatte, verfeinert er seinen künstlerischen Umgang mit dem Thema der Doppelgängerei und „Mehrfachgängerei", verlegt sich auf die poetische Charakterphysiognomie oszillierender Persönlichkeiten, die durchaus als jeweils für sich stehende Avatare auf die Bühne geschickt werden. Der innere Widerstreit, die innere „Mehrfigurigkeit" wird auf der Bühne als lyrisches Drama ausgetragen. Hofmannsthal ist übrigens derjenige, der auf luzide Weise erfasst, dass die Einteilung des menschlichen Lebens in Lebensalter direkt gegen die innere Evidenz steht. Er ist es, der das Motiv der Jugend ins Zentrum stellt. Es wäre nicht falsch, zu sagen, dass Hofmannsthal eine Art Anthropologie der auf Dauer gestellten Jugend als Abbild einer gewissen, auf Dauer gestellten Krise anbietet. Mit Hilfe dieser neuen Anthropologie wird eine neues „Heldentum" erfasst, welches die psychischen Motive des Jugendlichen und Pubertären durchlebt. Offenkundig ist die patriarchalische Norm zu diesem Zeitpunkt obsolet, was von Jacques le Rider in seinen profunden Analysen zum Wiener Fin de Siècle breit belegt worden ist.

Auf dem Hintergrund des Gesagten wird deutlich, wie ihrerseits die Psychoanalyse ein Symptom der sich verändernden Signatur des Seelenlebens bildet. Auch Freud bedient sich der Möglichkeiten, die in den Pronomina verborgen sind, um die seelische Struktur darzustellen: einem Ich stellt er ein Über-Ich zur Seite, welche beide wiederum gestützt werden durch eine Instanz, die nicht Ich zu sich sagt. Diese Instanz heißt dann bezeichnenderweise nicht „Du", sondern „Es". Die Ich-Vervielfältigung tritt also auch hier als syntaktische Möglichkeit der Deklination zutage, weshalb, wie uns hier beginnt aufzuleuchten, es grundsätzlich problematisch sein dürfte, literarische Zeugnisse in exegetischer Absicht über den Leisten der Psychoanalyse zu schlagen. Auch Freud könnte, im Sinne Benjamins, als „Dichter-Arzt" durchgehen.

Mayröcker – die Dichterin-Patientin?

Ich hoffe, dass durch meinen Rückgriff auf das beginnende zwanzigste Jahrhundert die Ich-bezogene Literatur Friederike Mayröckers sowohl in Blick auf die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als auch in Bezug auf die Gegenwart (und deren Zukunft) ein schärferes Relief erhält. Wie auf dem Hintergrund der Bennschen Ich-bezogenen Texte zu erkennen ist, spinnt Mayröcker an dem Faden dieser Bewußtseinskrise weiter, die notwenig die Sprachkrise impliziert. In Kontrast zu Alexandra Strohmaiers ergiebigem und wichtigem Experiment 13, die Psychoanalyse Lacans auf Mayröckers Texten abzubilden, liegt mir daran, die Literatur Mayröckers der psychoanalytischen Deutungshoheit direkt zu entziehen. Meiner Ansicht nach bilden die Ich-bezogene, krisenhafte Literatur um 1900 und zugleich die Psychoanalyse Ausdrucksvarianten ein und derselben Konstellation. Es scheint mir daher wichtig, zu unterstreichen, daß Mayröckers Ich-bezogenes Schreiben keineswegs in einer psychoanalytischen „Verfallenheit" aufgehen kann 14, sondern, ganz im Gegenteil, eine noch unbekannte weibliche oder mädchenhafte „Meisterschaft" offenbart, deren Relief zu erfassen gewissermaßen die Herausforderung der Stunde ist . Was die Einsichten Alexandra Strohmaiers angeht, dass sich nämlich die Strukturen der Lacanschen Begehrensmaschinen und die triangulären Konstellation der ProtagonistInnen (und „Interdiskurse") in einigen Texten Mayröckers bis aufs Haar gleichen, so lasst sich dieses Befund nahtlos in meinen Ansatz einfügen. Ich würde, von Strohmaier abweichend, den Schluß ziehen, dass Lacan die „zu Grunde liegende kulturelle Situation" in einer in sie verabsolutierenden Weise fasst, während Mayröcker sie weiterhin im „heißen" Sinne bearbeitet. Lacans und Mayröckers Absichten konvergieren in einem Dritten, das wohl die von Strohmaier zitierte „kulturelle Bedingung" ist, die für beide Autoren gelte (beispielsweise der Hysteriediskurs, der grammatologische Diskurs). Strohmaier unterstreicht, dass Lacan diesem selben „kulturellen Hintergrund" verpflichtet sei wie die Literatur Mayröckers. Wenn also Lacan in der Lage gewesen wäre, die Mechanismen dieser „kulturellen Bedingung" freizulegen, dann hätte er damit bereits den archimedischen Punkt jenes „Entkommens" erreicht, der diese kulturelle Bedingung durchschaubar macht. Der Entkommene (diesmal: Lacan) erkennt und beschreibt immer nur das, dem er entkommen ist. Wenn also entkommen werden kann, dann handelt es sich in dem Beschriebenen um eine –ich würde einmal sagen – „anthropologische Inkonstante". Ich setze also höchstens auf eine Parallelität zwischen der psychoanalytischen und der literarischen Geschichte insoweit, dass beide mit ihren jeweiligen Mitteln (produktiv, konstruktiv, interpretativ) zentrale Motive des weit reichenden und umfassenden Ereignisstroms des 20.Jahrhunderts transportieren. Mit anderen Worten, erst das „intermediale" Auftreten von Modellen in wissenschaftlicher (psychoanalytischer) und literarischer Prosa (wie bei Lacan und Mayröcker) ermöglicht die Erkenntnis desjenigen, deren Allegorisierung beide Autoren unternehmen.

Im Jahre des ungefähr hundertjährigen Jubiläums einer psychoanalytisch gestützten Deutung von Schnitzlers „Leutnant Gustl" wird man um eine Lektüreform, die immer noch unterstellt, daß diese Texte Symptomträger des Autors sind und daher eher einer Diagnostik als einer Exegese unterworfen werden sollen, einen Bogen machen müssen. Das heißt, auch wenn Mayröckers Schreiben sich auf derselben oder zumindest ähnlichen Problemebene wie Lacans theoretischer Entwurf befindet, wird sie niemals auf dessen Ideen der psychischen Druck- und Triebverhältnisse reduziert werden können.

Exkurs zum Verhältnis Theorie und Kunst

In jedem Fall hätte solchen Deutungsabsichten eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Prosa vorauszugehen, deren Verhältnis außerordentlich komplex und konfliktbeladen ist. Die Geschichte des Neides der Theorie auf die künstlerische Prosa und Lyrik dürfte inzwischen mindestens eintausendachthundert Jahre alt sein, wenn man einmal Plutarchs Text „De Pythiae Oraculis" als einschlägiges Lehrstück nehmen ansehen wollte. In diesem Text behandelt Plutarch die Frage, was wohl die Gründe sein könnten, die die Pythia veranlasst haben, ihren Ton dergestalt zu wechseln, dass sie neuerdings ins Prosa spricht. Der Neid der wissenschaftlichen Prosa auf die künstlerische berührt den neuralgischen Punkt in der Beziehung zwischen Produktion und Reflexion bzw. zwischen Orakel und Thesen- oder Lehrsatzbildung, wobei, wie wir wissen, der Produktion oder dem „Orakeln" eine gewisse Bewußtlosigkeit und Fremdgesteuertheit unterstellt wird. Die epistemologische Überlegenheit der wissenschaftlichen Prosa ist eine politische Erfindung der Spätantike – man könnte auch sagen: Postantike -, die bis heute zu Recht immer wieder in Frage gestellt und diskutiert wird. Lukrez hatte beispielsweise in „De rerum natura" noch das „Lehrgedichts" respektiert, von der übrigens noch Schiller gemeint hatte, sie sei die größte unter den literarischen Formen. Neuerdings –auch das ein ungeheuer interessanterAspekt der Postmoderne – richtet sich die theoretische Prosa im Übrigen auf die Kunst in einer Ausschließlichkeit, die den Schluß zulässt, dass die Kunst jene Leerstelle zu füllen hat, die durch das folgerichtige Abhandenkommen „ontologischer" Gegenstände für diese Theoriebildung entstanden ist. Keiner der postmodernen Autoren kommt noch aus ohne ein Bild, ein Gedicht, eine Komposition als legitimierenden Gegenstand zu beanspruchen. Dadurch, dass Gegenstände wie „Gott", „Natur", „Seele", „Unsterblichkeit" theoretisch ausgefallen sind, zogen Kultur und Kunst zugleich seit den sechziger Jahren in breiter Bewegung nach vorne und verursachten eine radikale Ästhetisierung des Wissens. Während Lacan sich einerseits im Intertext der psychoanalytischen Theorie Freuds und der französischen Schulen bewegte, andererseits in seiner Praxis die Klienten hörte, presst man heute direkt aus Kunstwerken den Succus profitabler Theorie.

Die Verfahren der Literaturwissenschaften haben folgerichtig seit den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einen Grad an Normativität in den Kulturwissenschaften erreicht, der der Philosophie nicht mehr beschieden war. An dieser Stelle wäre angebracht, zu Mayröckers kunstbezogener Prosa auszuholen, die insofern eine ideale Position beanspruchen kann, weil sie kunstförmig über Kunst schreibt. Zu dieser Prosa wird man noch die marode Kunsttheorie in Regenerationskur schicken müssen. Und dies nicht deshalb, weil die Prosa Mayröcker vielleicht die schönere ist, sondern weil das hermeneutische, das Auslegungsproblem sich in der kunstförmigen Prosa Mayröckers so nicht stellt.

Auf diesem Hintergrund gewinnt das hermeneutische Problem, das durch die Deutung Mayröckers aus einem privilegierten psychoanalytischen Theoriehorizont heraus entsteht, schärfere Kontur. Um es zu umschiffen, möchte ich ein eher offenes, zirkuläres Modell vorschlagen, das Lacan und Mayröcker trotzdem in eine Beziehung bringt. Lacan und Mayröcker nehmen, insofern sie Präsentationsformen des psychoanalytischen Dispositivs – wenn man es einmal so bezeichnen wollte – vorstellen, bereits eine epizentrische Position innerhalb der von ihnen als Material eingesetzten „Diskursformation" ein. Der paradoxe Effekt eines gleichzeitigen Verstärkens und Verlassens eines „Plateaus" ist ein hinreichend bekanntes Phänomen.

Mayröckers Aktualität, ja man könnte sagen: Brisanz, scheint mir nun gerade darin zu liegen, dass sie erstens – darin das poetische Äquivalent von Maria Lassnig – die weibliche Erzählperspektive privilegiert besetzt, in Erleben, Analyse und Beschreibung, jedoch ohne Ressentiment, ohne Verurteilungen, in ausdrücklicher Umgehung jener diagnostischen und gnostischen Erkenntnisweisen, die ins Theoretische und Distanzierte führen würden. Zweitens, dass sie diese Erzählperspektive entwickelt, indem wohl die „Erkennungsmelodien" gespielt werden, die Sympathie, Beifalls und Identifikation hervorrufen: das Seufzen, das Schluchzen, die Ratlosigkeit, die Hinfälligkeit, die Weltfremdheit. Wesentliche aber ist das neue Pathos, das trotz der beträchtlichen Dramatik der Zuständlichkeiten niemals tragisch wird. Die luzide Introspektive arbeitet sich schonungslos voran bis auf den Grund einer Unschuld oder Schuldlosigkeit, jenseits jeder Attitüde. Eher noch kippt das Rezitativ, alle sozialen, affektiven und erotischen Strukturen eingeschlossen, ins Komische, auch wenn kein Stein auf dem anderen bleibt. Dieses Komische ist allerdings charakterisiert durch ein entschiedenes Desinteresse an, sagen wir einmal, einer Lachentladung. Es trägt in einer Art Verhaltenheit eine der Erkenntnis und der Läuterung äquivalente Qualität in den Textfortgang ein. Die Rede Mayröckers nimmt fortwährend einen Ton von „Zeugenschaft" an, ja beschwört diesen geradezu, allerdings in dieser spezifischen Variante von Zeugnis. Diese Form einer „Herzzeugenschaft", die gemeint ist, untergräbt erfolgreich jenen „Testis-Komplex", der bisher männlicher Zeugenschaft den Vorrang gesichert hatte. Mayröckers Texte nehmen die Monumentalaufgabe in Angriff, der weiblichen Erzählperspektive ihre Mehrdimensionalität oder Vielstimmigkeit wiederzugeben, die das Weibliche auf Grund seiner Medialität, seiner Mitgefühls, seiner Überidentifiziertheit und seiner daraus resultierenden „Vor-Menschlichkeit" aufweist, ohne dass diese Verfehlungen von Subjektivität noch als Lamento, Gewimmer, Gejammer oder Gezeter instrumentiert werden müßten. Mayröckers Pathos posaunt eine neuartige Stärke aus, in der sich zwar Motive des Hysteriediskurses vernehmen lassen, in diesem allerdings nicht aufgeht.

»ich schwärme mit meinen Knien in meiner Behausung, ich werde ständig unter Sedativa gehalten, die bläulichen Tätowierungen,über meinen Körper verstreut, solange das Licht seitlich einfällt, ich frage mich, wer hat sie mir beigebracht, mein Gedächtnis läßt mich im Stich, sage ich, ich versuche, an den äußersten Rand des Stuhles zu gleiten, damit die Knie vollkommen den Boden berühren, während des Schreibens« 15

Mayröcker strapaziert vielmehr Facetten des Hysteriediskurses so, dass die Hysterie selbst der nun doch recht zweidimensional geführten Debatte entgleitet. Zur Hysterie und den theoretischen Wellen, die sie seit der Jahrhundertwende produziert, sei angemerkt, dass Freuds erster Versuch zum Thema just der männlichen Hysterie gewidmet war. 1896 trug Freud zum Thema vor, während er an einem jungen Patienten demonstrierte, worum es ihm ging. Dieser Vortrag ist verloren, wohingegen die Reaktionen auf Freuds Ansatz erhalten geblieben sind und einen indirekten Schluß auf seine Gedankenführung erlauben. Theodor Meynert, Freuds (und auch Schnitzlers Lehrer), sei alles andere als von der Idee der männlichen Hysterie angetan gewesen. Erst Freuds "Umsatteln" auf die weibliche Hysterie bzw. die Definition der Hysterie als weibliches Syndrom verhalf der Idee zum ungebrochenen Erfolg.

Das Motiv des „Ewigen Kindes" (diesmal: puella aeterna)

Mayröcker arbeitet sich in der Erfindung einer Art „weiblichen Signifikanten" voran, indem sie indirekt verneint, dass das Weibliche eine Größe sei, deren Signifikanz man sich überhaupt annähern könne. Die Unfertigkeit eines Weiblichen, das dann im Übrigen auch mit einer gewissen Unfertigkeit des männlichen Jugendlichen „paktiert", tritt hier als eine neuartige Stärke zutage, die sich nicht nur den psychoanalytischen Matrizen verweigert, sondern einen Ausweg aus festgefahrenen Verhältnissen, die, wie wir ja wissen, gerade dem (symbolischen) Weiblichen keine besonders anziehende Rolle zugewiesen hatte, anbietet. Gewisse Töne in Mayröckers Texten, die nach Subordination klingen und instantan das Lacansche Schema aufrufen, könnten nicht nur, sondern müssten als sub-versiv gelesen werden. Ihre Texte spielen die Erkennungsmelodien, wie gesagt, aber nicht in der Weise, dass man ihnen theoretisch nachtragen dürfte, was sie mit künstlerischen Mitteln plastisch machen. Der sound, der da vorgetragen wird, verführerisch wie ein Sirenengesang, hat auf „Potenzial" geschaltet, nicht auf „Hilferuf". Das Potenzial, um das es geht, quillt wohl aus dem einem kindlichen Weiblichen zugeschriebenen Eigenschaftsbündel hervor, aber es ist auch –als solches – weiter zu fassen, etwa als sich nicht in die Welt Bequemen Wollen und Können, das für die Absicherung des fortwährenden Staunens zuständig ist. Dieses Potenzial wird sprachlich von Mayröcker eingeholt in jenen Spielen – alliterativ, homophon, synomym, metonym, elliptisch –, die der Unfertigkeit des Ich eine „unfertige" Sprache zur Hand gibt, also eine Sprache, die noch tastend, staunend, semantisch gewissermaßen gleitend, gleißend und oszillierend ist. Immerfort gerät das Wort auf eine Gabelung, auf der es ausrutscht, beinahe ins Dada fällt, sich fängt und syntaktisch erholt, garniert, dekoriert und rythmisiert mit den berühmten Mayröcker-Worten (des verduzten Ich, des schlingernden Ich, des bescheiden in seine Weltfeier versunkenen Ich) „nicht wahr", „usw.". Dieses Ich, das da spricht, ist das Ich einer eigentlich Ich-losen Subjektivität, dessen universales Mitgefühl es prophetisch und hypnotisch zugleich macht.

»etwas Überspanntes in mir lehrt mich zuweilen das minutiöse Sehen«

»ich schwärme mit weichen Knien in meiner Behausung, es ist ein ähnliches Gefühl wie geladene Drähte berühren, am ganzen Körper, ich lasse jetzt die Schnürriemen hängen, aus den Ösen heraus« 16

Die gleichzeitige Opfer- und Köderfunktion des Mädchens wird von Mayröcker auf beeindruckende Weise ausgespielt. Mayröcker bezeichnet sich, wie beispielsweise auch Egon Schiele es tat, als „ewiges Kind", als ein Wesen, dessen Selbstwahrnehmung in einem Stadium vor dem Erwachsensein planmäßig „steckenbleibt". Dieses „ewige Kind" oder dieser „ewige Jugendliche" im Sinne von „Lebensalterverweigerung als perennierende Selbsterfindung" (und Erhaltung des Potenzials) erscheint bei Mayröcker als „ewiges Mädchen", an dem die „präödipalen" Qualitäten unbedingter Bindungslust und hochgradiger Identifiziertheit hängen.

Just damit scheint mir der geradezu entfesselte Erfolg Mayröckers in der Gegenwart zusammenzuhängen, daß sie in pointierter Weise die Tendenz zum vielheitlichen und sogar transgender Ich aus der Perspektive einer sich immer wieder in die Position des jugendlichen Krisen-Ich begebenden Autorin verkörpert. Nicht nur das, es scheint sogar so zu sein, dass die produktiv von den Jung-Wienern eingeleitete Ich-Krise in der Literatur als Syndrom des jungen Mannes bei Mayröcker konsequent in der Rolle des „ewigen Mädchen" fortgesetzt wird. Selbst die Motive der Sprachkrise, der Sprachzertrümmerung und der Spracherneuerung, die von den Jung-Wienern ins Spiel gebracht worden sind, werden von ihr aufgenommen und wirkungsvoll weiterentwickelt. Die Geschlechterfrage gerät bei Mayröcker auf der Ebene der „Jugend" nicht mehr zur reziproken Exklusion mit entsprechenden uneinlösbaren Begehrensschüben (ähnlich dem „Vater-Mutter-Kampf" der Psychoanalyse), sondern führt einen spielerischen Positions- und Geschlechtswechsel ein. Die männliche Ich-Krise bildet gewissermaßen die ökologische Nische, in der sich die weibliche Version, selbstverständlich mit den neuen „Berufsjugendlichen" paktierend, selbst "ausbrütet", seine Sprache „züchtend", wie Mayröcker in einer oft zitierten Stelle aus „mein herz mein zimmer ein name" schreibt. Das schreibende Mädchen nimmt –eigentlich alterslos, die Selbstbeschreibung als Alternde sogar noch aus der überlegenen Warte der ewig Jungen schonungslos ausspielenden – Platz dort, wo die irritierten Neuromantiker die Sessel gewärmt haben. Aber Mayröcker usurpiert nicht diesen Ort, ebenso wenig wie sie sich wirklich als als Komplizin sehen würde. Sie spielt vielmehr die Trümpfe aus, die das Mädchen in der Hand hat insofern, als es seine sprichwörtliche Mutterbindung, die es bisher eher farblos hat wirken lassen, vor den Augen derjenigen, die nicht einmal mehr der Ödipalisierung fähig sind, glanzvoll in Szene setzen kann. Die dieses Spiel scheinbar organisierende Pole (etwa „Vater") gehören zwar zum setting, haben über dieses aber keine Kontrolle mehr. Dem „ewigen Mädchen" kommt deshalb besondere Bedeutung zu, als es durch seine bisherige Unauffälligkeit sich auf Tunnelbau spezialisiert hat und deshalb gewiß auch über Mittel und Wege verfügt, die Psychoanalyse zu „untertunneln". Die Krise des bürgerlichen, erwachsenen Ich zu Beginn des 20.Jahrhunderts kommt in dieser (symbolischen, zeitlosen, alterslosen) Mädchenhaftigkeit zu einer Peripetie, die schließlich die Not des Mädchens (der Elektren, der Antigonen, der Ariadnen, der Persephonen, der Ophelien, der Gold- und Pechmarien, )zu Erkenntnis und wirklichem Einsatz (s)eines unendlichen Potenzials wendet. Was dieses Potenzial angeht,so handelt es sich um Hingegebenheit an Wahrnehmung, Treue, Liebe, Mitgefühl.

»plötzlich tauchte der Satz auf ESSEN IST INTIMITÄT, und ich kann mich mit allem und allen identifizieren also ich laufe dauernd über und ich halte allen und niemandem die Treue, nicht wahr« 17

»Wir sind unserem Ich-vor-zehn-Jahren nicht näher, unmittelbar eins als mit dem Leib unserer Mutter. Ewige physische Kontinuität« 18 Hugo von Hofmannsthal

Exkurs zur Bedeutung des Konzepts „Jugend" im 20.Jahrhundert

Der Psychoanalytiker Karl Landauer (1887-1943) beschäftigt sich in seinen Schriften mit der Physiologie und Psychologie der Pubertät, die er als diejenige Phase beschreibt, in welcher Ich-Störungen, Integrationsverlust, Entfremdungsgefühle und Ich-Zweifel aufträten 19. Die Veränderung der psychischen Selbstwahrnehmung durch die (Re)Aktivierung der Triebstruktur bzw. durch die Erotisierung bewirke eine hochgradiges Integrationsproblem, eine große Unruhe und eine Vervielfältigung „merkwürdiger" Bewegungen 20. Die Verteilung der Integrationslast auf mehrere Instanzen („Ichs") schaffe Erleichterung, was das starke soziale und Gruppengebundene Affektleben Pubertierender erkläre. Die horizontale Orientierung von Jugendlichen in Ich-Gruppen bilde die gewissermaßen die externe Repräsentation einer inneren Vielfalt. Die Stimmung, die mit der Aktivierung des Erotischen einträte, sei durchaus die des Präödipalen. Man setzt auf Verschmelzung und sei bereit, dafür alles an Selbstbestimmung (und sogar Selbstachtung) fahren zu lassen. Die Fähigkeit, sich mit „dem Anderen" zu verwechseln wachse exakt mit den zunehmenden Druck, in Sachen Eros eine Integrationsleistung zu erbringen, an. Landauer hat die Stimmung einer gewissen Jugendlichkeitswut des begnnenden Jahrhunderts aufgenommen und zum zentralen Topos seiner psychoanalytischen Schriften gemacht, wobei seine Schlüsse, was die wichtigsten Punkte angeht, in direkter Opposition zu denjenigen Freuds stehen. Wenn er davon ausgeht, dass die Pubertät einen regressiven Schub auslöse, der den präödipalen Zustand wieder einführe, dann lädt er dem Erotischen auch jene Last kultureller Transformation auf, die der Psychoanalytiker Victor Tausk in einer Schrift von 1919 unter dem sprechenden Titel „Beeinflussungsapparate" abgearbeitet hatte. Die Magie, die dem Erotischen unterstellt werden darf, findet seine Verstärkung in einer rasanten technischen Entwicklung, die die Kommunikation auf (pseudo)erotische Strukturen abstellt 21.

»aber es sollte hie und da ein unerwarteter aufregender Satz dabei sein, ein Satz nämlich in welchem die Elektrizität ein und aus ging und meine Seele war aufgeregt weil ich Maria Callas im Nebenzimmer hörte nämlich ich hörte sie schluchzen und ich in Tränen ausbrach« 23

»und die Fernbedienung schwamm im Wasser, weil einer von uns das Glas Wasser umgeschüttet hatte« 23

Weder Freud noch Lacan unterscheiden ausreichend zwischen dem pubertären und dem erwachsenen Individuum. Überhaupt scheinen sie wie selbstverständlich eine Form von Erwachsenheit anzunehmen, an der bereits Hofmannsthal nicht nur gezweifelt hat, sondern sie als verdeckte Form der Neidwirtschaft unter den „Verschiedenen" verdächtigt, die darauf hinaus läuft, dass man schließlich immer bei sich zu spät ankommt. Genau an diese Punkt scheint Mayröcker „vorgebaut" zu haben, indem sie höchstens zwei Lebensalter gelten lässt: nämlich die Kindheit und das Alter, die sich darin gleichen, dass sie das bloße „Erwachsensein" umschifft haben und auf diese Weise beide privilegiert sind 24. Beide, Kindheit und Alter, sind liminale Phasen, Grenzzeitalter, in denen man sich symbolisch mit einem Bein in einer Anderwelt befindet. Der Abschaffung des Erwachsenseins entspricht die Abschaffung eines Imperativs, der aus diesem Erwachsensein ein bestimmtes Frau- oder Mannsein herleitet. Insbesondere in Beziehung auf die äußerst unattraktive Frauenrolle ist die Umschiffung der, von Lacan vorschlagsweise als die Position des doppelten Mangels skizziert, Erwachsenenzeit ein wirklicher „coup". Demjenigen Mädchen, das nicht in die Falle geht, bleibt das Potenzial. Es gleitet also nicht (wieder) in die Ödipalisierung ab, wie Strohmaier in Einvernehmen mit Lacan meint, sondern geht aus dieser gar nie heraus. Daß diese Position durchaus zu Klage fähig ist in Blick auf Verlust und Zerfall, könnte auch aus der Lebendigkeit und Präsenz der Erinnerung an das „goldene Zeitalter" verstanden werden. Mayröckers Erinnerungen an Deinzendorf wären so gesehen nicht selbst wiederum Deckerinnerungen an die perinatale Symbiose, sondern in der Tat strukturierende und das Maß vorgebende Erlebnisse, die den psychischen Grund stabil und tragfähig gemacht haben.

Renate Lachmann hat in einem substanziellen Artikel gezeigt, wie Dostojewski damit Ernst macht, die klassische Ordnung der Affekte, die bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein wohl gewissen Vorlieben und Neigungen und entsprechenden Modifikationen ausgesetzt gewesen ist, mit der Farbe psychischer „Überzogenheit" interessant zu machen. Den Gefühlen dieser Affektordnung (wie Liebe, Scham, Neid, Lust etc.) wird die jeweils „extremistische" Version entgegengesetzt, so dass sich ein Subjekt zeigt, welches immerfort in geradezu stürmischem Gefühlsbade fortgerissen wird. Die „gewöhnlichen" Zustände weichen Aufgeregtheiten, Paralysen, was sich bei Dostojewski in einer Affektklaviatur äußert, die zwischen Hysterie und Epilepsie, zwischen eben einem „Stupor", der auch bei Mayröcker nicht fehlt, und allen möglichen übertriebenen Schwächeanfällen, überhaupt Anfällen aller Art auch noch eine Menge an Zwischentöne zu bieten hat. Die literarischen Prätexte haben also natürlich bereits alles das aufgefahren, was in Mayröckers Schriften an Exzessivem vorkommt, allerdings – in Einklang mit Freuds erstem Versuch – zunächst vorzugsweise in einem Panorama männlicher Hysterie, dessen bekanntester Protagonist der Fürst Myschkin ist. Der männlichen „Idiotie" tritt nun, konform mit den mystischen Modellen der docta ignorantia – die weibliche zur Seite, allerdings mit eben jener Zeitverzögerung, die durch das virulente Problem weiblicher Öffentlichkeitswirksamkeit im zwanzigsten Jahrhundert begründet ist.

»und ich schüttelte meinen Text und ich erwartete weitere Früchte« 25

»Elektrisierung auf Bergen (...) etwas raschelt in meinem linken Ohr, Fliege, Ohrwurm vermutlich, stelle mir den Arzt mit Pinzette vor, der den Eindringling herausholt es schnürt mir den Hals meine Nerven sind angespannt, kein Schlaf mehr möglich, ich war wie im Walde verirrt.« 26

Mayröckers Schreiben gehört also zu einer das zwanzigste Jahrhundert bis zu seinem Ausgang wesentlich bestimmenden Bewegung der „Hysterisierung der Körper", zu einer breit angelegten Transformation bzw. Affizierung von Subjektivität, die neben den zentralen philosophischen Konzepten des zwischen einem verlorenen und einem absoluten Ego taumelnden Ich den radikalen Umbau der Gesellschaft in eine mediengesteuerte, kommunikationsverfallene und telepathische als Grundlage hat. Sofern eine grammophonische, telephonische, televisionäre, telegrammatische, telefaktische Gesellschaft notwendig darauf hinaus läuft, jenes bindungswillige und bindungssüchtige Online-Subjekt zu erzeugen, das anthropologisch und psychoanalytisch bisher als Kleinkind und präödipales (weibliches) Wesen aufgetreten sein mag, steht es dringend an zu fragen, ob denn diese Position innerhalb der bürgerlichen Familie bzw. Gesellschaft in der Tat immer noch die mangelhafte schlechthin ist. Wie mir scheint liegt gerade in der Wiener Moderne um 1900 eine Fülle von künstlerischen, vor allem literarischen Vorschlägen vor, wie die ehemalige infantile und schwache Position zu neuer Bedeutung und Leitsternhaftigkeit aufsteigen könnte. In Mayröckers Texten liegt nun in dieser Beziehung eine substanziell neue künstlerische „Wegweisung" vor, eine weibliche oder mädchenhafte Ödipalität (symbolische Mutter-Liebe) zugleich getreu aussprechende und sie so in ein sich kollektiv bewahrheitendes Evangelium übersetzende Leistung.

»usw.«

Fußnoten

1 Hugo von Hofmannsthal: zu „Andreas", in: Gesammelte Werke, hg. von Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch (Erzählungen, Erfundene Gespräche und Briefe, Reisen), Frankfurt/Main (8. Auflage), S.274.

2 ebda., S.161

3 ebda., S.163.

4 Gottfried Benn: Sämtliche Werke Stuttgarter Ausgabe, hg. von Gerhard Schuster in Verbindung mit Ilse Benn, Band III, Prosa 1, zu „Das moderne Ich" Kommentar S.448f, „Das letzte Ich" Kommentar S.464f, „Epilog und Lyrisches Ich" Kommentar S.466f.(Ich nehme einmal an, dass Mayröcker mit dem Topos des Ärztlichen in durchaus positiver Resonanz steht, wenn ich an die Innigkeit der Freundschaft mit ihrer Ärztin denke, die jüngst eine besonders beeindruckende Autobiographie vorgelegt hat (Steffi Kolowratnik).

5 ebda., S.263.

6 Gottfried Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Eine Geologie des Ich, in: Gottfried Benn: Sämtliche Werke a.a.O., S.272.

7 ebda., S.273.

8 Gottfried Benn: Das moderne Ich, ebda., S.105.

9 ebda., S.126.

10 Gottfried Benn: Das letzte Ich, ebda., S.123.

11 Gustav Landauer: Skepsis und Mystik. Versuche in Anschluß an Mauthners Sprachkritik, Köln (2.Auflage) 1923, S.248.

12 Er beginnt mit einer vagen Beschreibung des Tages, an dem Klabund starb. „Da lese ich in den fremden Blättern, dass Hofmannstahl gestorben ist. Ich lernte ihn im Krieg in Brüssel kennen – die zarte huschende Gestalt, hinab auch sie. Das Jahr ging nicht zu Ende, ohne mit Kreis und Diskus noch ein Haus zu zeichnen, aus dem eine reine Stimme drang. Ein Jahr deutscher Dichtung bedeckt von Epheu, durchflochten von Zypressen. Beide Gräber, das in Kalksburg und das in Crossen, der frische und verjährte Hügel, ach viele Hügel werfen ihren Schatten weit auf meinen Strand!"Gottfried Benn: In Memoriam, ebda., S.215

13 Alexandra Strohmaier: Logos, Leib,Tod. Studien zur Prosa Friederike Mayröckers, München 2008.

14 „Psychoanalytisch kann der Körper (seine Materialität) in den Texten Mayröckers als Verweis auf die Beziehung des Erzählsubjekts zum Realen verstanden werden. DasReale, das Lacan als das definiert, wasvor dem Symbolischen liegt, äußert sich zum einem im Begehren nach dem präödipalen Objekt, dessen Verlust, wie er durch den Ödipuskomplex und die Kastration erfolgt, gerade die Bedingung seiner symbolischen Re-Präsentation darstellt." Ebda., S.10.

15 Friederike Mayröcker:mein herz mein zimmer mein name, Frankfurt/Main 1988, S.69.

16 ebda., S.7.

17 ebda., S.165.

18 Hugo von Hofmannsthal, zitiert nach: Gotthart Wunberg: Der frühe Hofmannsthal. Schizophrenie als dichterische Struktur, Stuttgart u.a. 1965, S.133.

19 Karl Landauer: Theorie der Affekte und andere Schriften zur Ich-Organisation, hg. von Hans-Joachim Rothe, Frankfurt/Main 1991 Aufsätze 914-1939), bes. Die Ich-Organisation in der Pubertät (1935)

20 s. S.240f, wo es etwa heißt: „So ereignet es sich, dass choreoforme, athetitoforme und myokloniforme Bewegungsstörungen sowie Torsionen auftreten (oder nur mit Mühe unterdrückt werden), wodurch eine große innere und äußere Unruhe der Pubertierenden resultieren kann."

21 „Ich muß zunächst auf ein Symptom der Schizophrenie aufmerksam machen, welches ich schon vor längerer Zeit mit dem Namen 'Verlust der Ichgrenzen' bezeichnet habe und auch noch heute so bezeichnen will. Es handelt sich um das Symptom, dass die Kranken darüber klagen, alle Leute wüßten ihre Gedanken, ihre Gedanken seien nicht in ihrem Kopf eingeschlossen, sondern grenzenlos in der Welt, so dass sie sich zugleich in den Köpfen der Menschen abspielen. Der Kranke hat das Bewusstsein verloren, ein psychisches Sonderwesen, ein Ich mit eigenen Grenzen zu sein" S.30, „Das Stadium, das das der Objektfindung vorausgeht, ist das der Identifikation" S.32.Bezeichnenderweise ist es eine Studentin der Philosophie, die meint, durch einen Beinflussungsapparat gesteuert zu werden. Auch in Morton Princes 'The Dissociation of a Personnality. A Biographical Study in Abnormal Psychology'(1906) ist Miss Beauchamp die Heldin, eine ausgezeichnete, aber gescheiterte Studentin, Victor Tausk: Beeinflussungsapparate (1919). Zur Psychoanalyse der Medien, Berlin 2008.

22 Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling, S.159.

23 ebda., S.174.

24 „– aber ich gewähre dieser meiner Alterseuphorie allzu gern ihren Raum", Friederike Mayröcker: Magische Blätter VI, S.39. – "bis ins hohe Alter schreiben zu wollen, vormachen dass man immer noch schreibe, immer mit Rondeaus und Verrücktheitskränzen und -katzen, Gespann von Blumendüften und Palmen, bin wie der alte Chi Pai Chi: gierig nach dem Leben, immer noch (...)", ebda., S.126.

25 ebda.

26 Friederike Mayröcker: Und ich schüttelte einen Liebling, a.a.O., S.183.

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