Wintersemester 2011/12
Vorlesung Anthropologie I


SPIEL/ZEUG//GADGETS – INFANTILE GEGENWART?
Instrumente · Geräte · Apparate · Medien · Kunst

Der Status von Werkzeugen und Instrumenten hat sich im Laufe der Zeit ganz grundlegend verändert, was mit dem Begriff einer zweiten Natur, einer zweiten Evolution, und nicht zuletzt mit Ideen wie der des technischen Fortschrittes, der offenbar als unausgesetzte Bewegung vorgestellt wird, zu erfassen versucht wurde. Zweifelsohne wird es von Bedeutung sein, zu klären, welchen Status denn nun die zeitgenössischen Geräte und Apparate haben, wenn man Einblick in die Mittel des anthropologic design gewinnen möchte. Meine These ist die, dass zeitgenössische Apparateklassen, deren Gebrauch massenhaft und häufig ist, weniger als Instrumente oder Apparate im post-aristotelischen Sinne zu sehen sind als vielmehr als Spielzeuge. Drüber ist bereits mehrfach gesprochen worden, jüngst von Jaron Lanier in seinem Bestseller »Gadgets« (s. Literaturliste).

»Spielzeug« hat den Vorteil, gewisse Qualitäten in Bezug auf die Stimmung, innerhalb derer das Gerät zur Anwendung kommt, zu transportieren. Gegen die Annahme, dass es sich in der Herstellung von Instrumenten, Apparaten usf. um einen sich fortwährend aufstufenden Prozess handelt, der metaphorisch als ein Beweis des stets fortschreitenden Erwachsenwerden der Menschheit gelten darf, wird die Vorlesung auf mehreren Ebenen arbeiten, wobei dem Progress der Regress und der Evolution die Involution entgegenstellt werden. Nicht wenige Denker, die man als Zeugen der technologischen Evolutionsidee anführen würde, stellen sich bei genauerer Lektüre nämlich als Propagandisten einer gewissen konstitutiven menschlichen Infantilität heraus, was den Absichten der Vorlesung keineswegs entgegensteht.

Nach einem kursorischen Durchgang durch die wichtigen Positionen der Technikphilosophie möchte ich daher in pointierten Thesen einen neuen Ansatz einer zeitgenössischen Technikdefinition vorstellen, der auch das, was Kunst ist, mit einschließt. Ferner muss der Vorstellung Raum gegeben werden, dass die Produktion von funktionierenden Körpern (Apparaten) in ihrer poetischen Bedeutung Allegorie von Leben ist, womit das gender-Thema wesentlich eingeführt ist.

 

Audio-Mitschnitte der Vorlesungen

24. Oktober 2012

   

25. November 2012

   

16. Dezember 2012

(Vortrag von Ossi Urchs)

(Vortrag von Friederike Mayröcker)

 

 

Literaturliste zur Vorlesung

Aristoteles: »Über die Teile der Lebewesen«, in: Werke in deutscher Übersetzung, hrsg. v. H. Flashar, Bd. 17: Zoologische Schriften 2,1, übers. v. W. Kullmann. – Berlin: Akademie Verlag 2007.

L. Bolk: Das Problem der Menschwerdung. Vortrag, gehalten am 15. April 1926 auf der XXV. Versammlung der Anatomischen Gesellschaft zu Freiburg. – Jena: Gustav Fischer 1926.

Martin Heidegger: Die Technik. Die Kehre. – Pfullingen: Neske 1991.

Eva Illouz: Die Errettung der modernen Seele: Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Übers. v. M. Adrian. – Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009.

Jaron Lanier: Gadget. Warum uns die Zukunft noch braucht. Übers. von M. Bischoff. – Frankfurt/Main: Suhrkamp 2010.

Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle. Übers. v. M. Amann. – Düsseldorf–Wien–New York–Moskau: Econ 1992. (engl. Orig.: Understanding Media).

Elisabeth von Samsonow: »Zeichenautomaten. Zum Thema Schrift und Maschine am Beispiel der Gebetsmühle«, in: Kultur der Zeichen. Hrsg. v. W. Stegmaier. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 136–151.

– dies.: »Regression als totale Progression. Regulative Zustandsveränderung als kulturelle ›Triebfeder‹«, in: Im Garten der Philosophie. Festschrift für Hans-Dieter Bahr.. Hrsg. v. Oya Erdoğan und Dietmar Koch. – München: Fink 2004, S. 175–184.

– dies.: »Die Bewaffnung der Sinne: Die Vernunft und ihre Instrumente in der Renaissance«, in: Achtung vor Anthropologie. Interdisziplinäre Studien zum philosophischen Empirismus und zur transzendentalen Anthropologie. Michael Benedikt zum 70. Geburtstag. Hrsg. v. J. Rupitz, E. Schönberger u. C. Zehentner. – Wien: Turia + Kant 1998, S. 129–140.

Bernard Stiegler: Denken bis an die Grenzen der Maschine. Übers. v. K. Wojticzka u. E. Hörl, hrsg. v. E. Hörl. – Zürich–Berlin: diaphanes 2009.

– ders.: Hypermaterialität und Psychomacht. Übers. v. K. Wojticzka, hrsg. v. E. Hörl. – Zürich–Berlin: diaphanes 2010.