Wintersemester 2010/11
Vorlesung Anthropologie I


KONFUSION
Die Wahrheit der Wahrnehmung

Das Konfuse ist heute als philosophische Qualität ausrangiert oder dient allenfalls noch als negatives Prädikat. Was konfus ist, gilt nichts. Damit wird unterschlagen, dass es, wie der barocke Philosoph und Universalgelehrte G.W. Leibniz gemeint hat, diejenige Kategorie der Erkenntnis darstellt, innerhalb derer die größten Erkenntnismengen auftreten.

In der Tat stellte auch Leibniz das Konfuse dem Klaren und Distinkten gegenüber, welchen er einen hohen kognitiven Rang einräumte. Aber dennoch ließ Leibniz keinen Zweifel daran, dass dieses »unbekannte Etwas«, dieses »Ich-weiß-nicht-was«, dieses Rauschen der sinnlichen Information (»bruit de la mer«, so Leibniz) just die Erscheinungsform der Kunst selbst sei. Sie würde Wahrnehmungen (»petites perceptions«) in einer vermischten Form liefern, die des Merkmals der Klarheit entbehrten. Diese Auffassung, die in der Tradition der Logik von Port Royal dort das Problem sieht, wo Ideen mit sinnlichen Wahrnehmungen vermengt auftreten, wirkt bis in die Ästhetik des 19.Jahrhunderts hinein. Ihre Botschaft lässt sich auf folgende Probleme – die übrigens auch in Leibnizens Neuer Abhandlung über den menschlichen Verstand diskutiert worden waren – reduzieren: entweder ist eben die Distinktheit und die Klarheit noch nicht erreicht, ist die »verworrene Erkenntnis« die (brauchbare) Ausgangslage für eine vertiefende Erfassung, oder es ist der Erkenntnisgegenstand selbst von der Art, dass er den Sinnen immer nur Konfuses zu liefern vermag, mehr nicht.

Die Vorlesung rollt einmal in einem ersten Schritt die – nicht immer konsistente – Begriffsgeschichte des Konfusen auf, wobei das Augenmerk insbesondere auf die wechselnden Bewertungen des »Konfusen« gelegt wird. Zumal es auch die Möglichkeit gibt, den Begriff des Konfusen wörtlich mit »Verschmelzung« zu übersetzen, wird parallel dazu auch diese Begriffsgeschichte – die eine technologische und erotische Seite hat – ausgeleuchtet. Schließlich soll gefragt werden, was nun aus diesen Begriffen in der Gegenwart geworden ist. Eine gewisse Konjunktur von »fusion« und »confusion« unter dem Vorzeichen der Popkultur soll einmal als Motiv einer versuchsweisen Apologie (befürwortenden Rede) des Konfusen gelten dürfen. Den Konsequenzen einer »fehlenden Unterscheidung«, als welche man das Konfuse wird verstehen dürfen, wird sowohl in bewusstseinslogischer, erkennntislogischer, ästhetischer, als auch in erotischer und technologischer Hinsicht nachgegangen. Eine Anregung von Chris Kraus aufnehmend, muss aber auch gefragt werden, ob Konfusion nicht immer auch ein Zeichen eines – unter Umständen auch sehr subtilen – Missbrauchs ist.

 

Audio-Mitschnitte der Vorlesung

15. Oktober 2010

10. Dezember 2010

21. Jänner 2011

28. Jänner 2011

 

 
Literaturliste zur Vorlesung

Arnauld, Antoine und Pierre Nicole: Die Logik oder die Kunst des Denkens. Aus dem Franz. übers. und eingeleitet von Christos Axelos. – 2., durchges., um eine Einl. erw. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1994.

Baumgarten, Alexander Gottlieb: Die Ästhetik. 2 Bde. Hamburg: Meiner 2009.

Leibniz, G.W.F.: Neue Abhandlung über den menschlichen Verstand.

ders.: Monadologie. Berlin: Akademie Verlag 2008.

ders.: Metaphysische Abhandlung. Hamburg: Meiner 1975.

Meier, Georg Fr.: Anfangsgründe aller schönen Wissenschaften. 1748.

Mirbach, Dagmar: »Das Denken der Einheit in der Ästhetik A.G.Baumgartens«, in: A. G. Baumgarten, Die Ästhetik, Hamburg, Meiner 2009, S.

Puyear, Stephen: Leibniz über Begriffe und ihr Verhätnis zu den Sinnen. Berlin/New York: De Gruyter 2008.

Weiterführende Literatur – A. Philosophie und Literatur:

Alquié, Ferdinand: Das affektive Bewusstsein. Wien: Turia+Kant 2004 (darin bsd. Kap. VIII: »Das affektive Bewusstsein als Konfusion«).

Fick, Monika: Sinnenwelt und Weltseele. Der psychophysische Monismus in der Literatur der Jahrhundertwende. Tübingen: Niemeyer 1993.

Hardt, Michael, und Antonio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums. Übers. v. Th. Atzert u. A. Wirthensohn. Frankfurt a.M./New York: Campus 2010.

Martens, Gunter: Vitalismus und Expressionismus. Stuttgart: Kohlhammer 1971.

Riedel, Wolfgang: Homo Natura. Literarische Anthropologie um 1900. Berlin-New York: deGruyter 1996.

Schubart, Walter: Religion und Eros. München: Beck 1941.

Spoerl, Uwe: Gottlose Mystik in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. Paderborn: Schöningh 1997.

Spree, Axel: »Cassirers Baumgarten«, in: ISTOR Monatshefte, Vol.95, No.3, pp.410-420.

Weiterführende Literatur – B. Recht/Ökonomie:

Baums, Theodor: Verschmelzung mit Hilfe von Tochtergesellschaften. Osnabrück: Inst. für Handels- und Wirtschaftsrecht, 1998 (dass. auch in: Festschrift für Wolfgang Zöllner zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Manfred Lieb, Köln: Heymann 1998, Bd. 1, S. 65-86).

Chung, Ha-Sung: Der Entschmelzungsanspruch nach fehlerhafter Verschmelzung zweier Aktiengesellschaften. Tübingen: Univ.Diss 1997.

Kieß, Peter: Die confusio im klassischen römischen Recht. - Berlin : Duncker & Humblot 1995 (= Freiburger rechtsgeschichtliche Abhandlungen; N.F., 21).

Mosler, Eduard: Zur Lehre von der Konfusion nach gemeinem römischen Recht und dem Recht des Bürgerlichen Gesetzbuchs vom 18. August 1896. Berlin: Druck v. C. H. Schulze & C. in Gräfenhainichen 1897.

Weiterführende Literatur – C. Psychologie/Ästhetik

Arrabal, Fernando: Riten und Feste der Konfusion. Berlin: Ed. Kalter Schweiß 1987.

Ebrecnt-Laermann, Angelika: Bemächtigung, Verschmelzung und soziale Beziehung – Narzißmus und Objektliebe im Geschlechterverhältnis. Berlin: Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung an der Freien Univ. 1994.

Buch, Ejnar: »Über die Verschmelzung von Empfindungen, besonders bei Klangeindrücken«, in: Philos. Studien, Bd. 15 (1900), S. 1-66.

Frank, Peter: Intermedia. Die Verschmelzung der Künste. Zürich: Benteli 1987.

Groenewold, Gabriele: Ich und kein Ende. Der Mythos von Ödipus und der Sphinx. Differenz und Konfusion. Frankfurt a.M.: Syndikat 1985.

Hädrich, Jürgen: Unsterblichkeitstechniken. Zur Kulturgeschichte einer Faszination. oO.: Pro Business 2009.

Holenstein, Elmar: Phänomenologie der Assoziation. Zu Struktur und Funktion eines Grundprinzips der passiven Genesis bei E. Husserl. Haag: Nijhoff 1972.

Krueger, Felix: Das Bewusstsein der Konsonanz. Eine psychologische Analyse. Leipzig: Engelmann 1903.

Kraus, Chris: Video Green: Los Angeles Art and the Triumph of Nothingness. New York: Semiotext(e) 2004.

LA artland. Essays by Chris Kraus, Jane McFadden, Jan Tumlir. London: Black Dog 2006.

Lipps, Theodor: Leitfaden der Psychologie. Leipzig: Engelmann 1906 (neu aufgelegt Saarbrücken 2006).