Wintersemester 2009/10
Vorlesung Anthropologie I


ICH BIN DIE VIELEN
Triebe, Beeinflussungsapparate, Kunst

»Woran man wirklich teilzunehmen vermag, dem ist man schon zur Hälfte vereinigt.«
»Aufmerksamkeit ist so viel wie Liebe.«
Hugo von Hofmannsthal, Andreas, Romanfragment ca. 1905

Die theoretische Fetischisierung von Identität verlegte bisher den Zugang zum Verständnis jenes »Einbruchs des Anderen«, der durch die moderne Version von Kommunikation, die wesentlich Tele-Kommunikation ist, durchgesetzt ist. Im Übrigen, das soll nun unterstrichen werden, ist jene Verbindung zwischen diesem »Einbruch des Anderen« und der Vervielfältigung des Ich der zentrale Tropus der Kunst, und zwar sowohl ihrer bildenden, als auch darstellenden und literarischen Formen. Um die Jahrhundertwende fällt nun aber das, was man als die neuen Medien der Zeit bezeichnen kann, in die Subjekte ungefähr so ein wie ein paralleles (An)Trieb(s)system, wie Victor Tausk in seiner kleinen Schrift »Über den Beeinflussungsapparat« (1919) als schizophrene Phantasie auseinandersetzt. Die beginnende Telekommunikation, der Film und die Tele- und Grammophonie setzten die Subjekte einer sie vervielfachenden Spiegelwelt narzistischer Tönung aus, in der sie nicht mehr sicher sein konnten, wie weit ihre »natürliche« Reichweite und Ausstrahlung wirklich ging. Das Weltbild, das uns eine aus Frequenzen und Antennen komponierten Raum zeigt, schiebt eine Idee der Verbindung in den Vordergrund, die nicht allein durch die Tatsache der Verfügbarkeit von Informationen zustande kommt, sondern auch durch eine medial gesteuerte »Vertauschbarkeit der Ichs«, die sich auch, als einander parallel, gegenseitig ersetzen könnten.

Die Absicherung im Gruppen-Ich fungiert als (pubertäre) Verstärkung, zugleich aber verschärft sie (durch »Beeinflussungsapparate«) die Tendenz zum Totalitarismus. Die Vorlesung beschäftigt sich mit dem Konzept »Jugend« im 20. Jahrhundert, sofern sie die wesentliche, der medialen Genese der Gegenwart eingeschriebene expressive Wirklichkeit bis zu Konzept der multitude darstellt. In dieser Hinsicht ist die Frage leitend, inwiefern sich männliche und weibliche Hysterie unterscheiden bzw. inwiefern bereits um die Jahrhundertswende eine Unisex-Bewegung einsetzt, die diese Unterscheidung unter Umständen zur Disposition stellt. Auf dem Hintergrund der gut bearbeiteten weiblichen Hysterie soll diesmal also die männliche Hysterie, die Hysterie des puer aeternus, im Vordergrund stehen, die wesentlicher Motor der Popkultur ist.

Anhand von Text-, Film- und Hörbeispielen (auch Hörspielen) wird die künstlerische Bedeutung experimenteller Selbstdarstellung untersucht, wobei es darum geht, die Verbindung zwischen Sprache und Bild mit neuen Mitteln zu erforschen. Die »kritische Sprache« als Urteilsinstanz gegenüber der Kunst wird dekonstruiert, indem literarische Formen der Auseinandersetzung mit Kunst in den Fokus gerückt werden. Die Vorlesung dient auch als Einführung in die Kunstphilosophie des beginnenden 20.Jahrhunderts.

 

Literaturliste

Oscar Bie: Grete Wiesenthal. Holzschnitte von Erwin Lang. Erich Reiss, Berlin 1910.

Bourget, Paul: Physiologie de l'amour moderne. Fragments posthumes d’un ouvrage de Claude Larcher. Paris, Lemerre 1891.

Gabriele Brandstetter: Tanz-Lektüren. Fischer-Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1995.

- dies.: Loie Fuller. Tanz, Licht-Spiel, Art Nouveau. Rombach, Freiburg 1989.

- dies.: ReMembering the Body. Körper-Bilder in Bewegung. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2000.

Jacques Derrida: Telepathy, in: The Oxford Literary Review. Vol. 10, 1987-1988.

Allen Feldmann: Der menschliche Touch. Zu einer historischen Anthropologie und Traumanalyse von Selbsttätigen Instrumenten (in: Gabriele Brandstetter: ReMembering the Body. Körper-Bilder in Bewegung, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2000, Seite 224-258).

Max Halbe: Jugend. Ein Liebesdrama in drei Aufzügen, Fischer, Berlin 1893.

Thomas Hecken: Populäre Kultur. Mit einem Anhang: Girl und Popkultur, Posth Verlag, Bochum 2006.

- ders.: Pop – Geschichte eines Konzepts 1955-2009. Transcript Verlag, Bielefeld 2009.

Hugo von Hofmannsthal: Die Berührung der Sphären. S. Fischer Verlag, Berlin 1931.

- ders.: Grete Wiesenthal in »Amor und Psyche« und »Das fremde Mädchen«. Szenen, S. Fischer Verlag, Berlin 1911.

Georges Didi-Huberman: Erfindung der Hysterie. Die photographische Klinik von Jean-Martin Charcot, Wilhelm Fink Verlag, München 1997.

Friedrich Kittler: Von der Poesie zur Prosa. Bewegungswissenschaften im 19. Jahrhunder, in: Gabriele Brandstetter: ReMembering the Body. Körper-Bilder in Bewegung, Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2000, Seite 260-270).

Gertrud Koch: Schritt für Schritt – Schnitt für Schnitt. Filmische Welten (in: Gabriele Brandstetter: ReMembering the Body. Körper-Bilder in Bewegung. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2000, S. 272-284.

Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1886.

Barbara Lesák: Von der Pose zum Ausdruck. Theaterfotografie 1900-1930. Verlag Christian Brandstätter, Wien 2003.

- dies.: Das Maschinenzeitalter auf der Bühne. Der Einfluss der Technik auf das moderne Theater, in: ebd., S. 154-167.

- dies.: Der Blick nach Moskau. Entfesseltes Theater und Theaterkonstruktivismus, in: ebd., S. 202-215).

Theodor Meynert: Sammlung von populär-wissenschaftlichen Vorträgen über den Bau und die Leistungen des Gehirns. Braumüller, Wien 1892

Jean-Luc Nancy: Körper in Ausdehnung zum Bersten gespannt. Die Ausdehnung der Seele. Texte zu Körper, Kunst und Tanz. Diaphanes, Berlin 2009

Eugene O'Neill: Dynamo. Liveright, New York 1929.

Vaclav Nijinsky: Tagebücher. Die Tagebuchaufzeichnungen in der Originalfassung. Aus dem Russischen von Alfred Frank. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig 1998.

Theodule Ribot: Die Persönlichkeit. Pathologisch-psychologische Studien. Nach der 4. Aufl. übers. von F. Th. F. Pabst. Reimer, Berlin 1894.

Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke. Fischer-Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1986.

Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl. S. Fischer Verlag, Berlin 1901.

- ders.: Der Reigen. Zehn Dialoge. Wiener Verlag, Wien / Leipzig 1903.

August Strindberg: Inferno. Georg Bondi, Berlin / C. & E. Gernandt 1898.

Victor Tausk: Beeinflussungsapparate. Zur Psychoanalyse der Medien. Semele Verlag, Berlin 2008.

Andreas Weber: Alles fühlt. Berlin Verlag, Berlin 2007.

Frank Wedekind: Erdgeist. Arche, Zürich 1895.

- ders.: Die Büchse der Pandora. Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1904

- ders.: Mine-Haha oder über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen. Albert Langen, München 1903.

- ders.: Franziska. Ein modernes Mysterium in 5 Akten. Müller, München 1912 (Fertigstellung 1911).

Stefan Zweig: Erstes Erlebnis. Vier Geschichten aus Kinderland. Insel, Leipzig 1911.