Wintersemester 2008/09
Vorlesung Anthropologie I


LEIB WERK WERT GELD
Gabe, Opfer, Tausch, Wucher unter dem Horizont der "Biosociality" (Donna Haraway)

Bevor noch an den Debatten, die über die Struktur der gegenwärtigen Ökonomie ausgefochten werden, teilgenommen wird, soll wieder neu aufgerollt und geklärt werden, ob und in welcher Weise der menschliche Leib, und zwar vor allem in seiner «sexualisierten« Form, für diese Ökonomie wesentlich ist. Bevor über »Immaterielle Arbeit« gesprochen wird und über das Ende von »Produktionsbedingungen« im Zeitalter des »Cyberproletariat«, muß noch einmal die Frage nach dem Status von Arbeit, des «Mangels« und der daraus resultierenden symbolischen und existenziellen Bewertung von »Geld« gestellt werden. Falls das «Recht auf Arbeit« auf einem Begriff vom Körper aufruht, der nichts weniger denn als »Budgetbelastung« zu deklarieren ist, dann ist das Setting des »arbeitenden Körpers« selbst niemals anders als als Prostitution zu sehen. Um überhaupt eine Form der Existenz zu denken, die nicht schon in sich als »schuldhaft« abzuarbeiten ist, müsste also das Konzept der Kindheit und der Jugend zu einer Verallgemeinerung kommen. Der Erwachsene wächst sich wie von selbst nämlich just in jene Falle hinein, in der ihm sein bisheriges »Gratisleben« vorgehalten wird. Die Idee des »Wunschkindes« würde den idealen Grund für eine Umkehrung des aus Schuld generierten Lebens bilden, da für dieses nicht die Haltung der Sorge charakterisistisch ist (wie für Heideggers »Patriarchen«), sondern das Umsorgtsein. Die narzistische Kränkung, die bisher das Eintauchen in das Berufleben bedeutete – nämlich die Feststellung, dass Existenz auf keinen Fall ein Geschenk sei, sondern verdient werden müsste – könnte durch das Aufdauerstellen des Modells Jugend umgangen werden (Bedingung dafür ist das Grundgehalt). Pierre Klossowski meinte im Übrigen sinnigerweise, dass Gerechtigkeit in der Arbeitswelt notwendigerweise darauf hinauslaufen hätte müssen, dass man für seine Arbeit mit »Frauen« bezahlt würde. Der Eintritt in die männliche Welt der Sorge scheint also mit der Phantasie verkoppelt gewesen zu sein, dass als Entschädigung für die Prostitution die Prostituierten zu gelten hätten. Der weibliche Körper taucht hier unmißverständlich als derjenige Opferkörper auf, der bezahlt bzw. mit dem bezahlt wird. Mit dem weiblichen Klrper ist aber nicht der Mutterkörper gemeint, sondern der junge, jugendliche weibliche Körper des Mädchens oder »Fräuleins«. In demjenigen Shift, der die ökonomische Ordnung von einem konstitutiven Mangel auf die universale »wellness« verschiebt, in welcher der Mangel unwahrnehmbar geworden ist, wird jedoch der Mutterkörper wieder relevant. Seine »Produktion«, die zuvor »gratis« und »natürlich« war, und damit aus der Kapitalisierung ausgeschlossen, gibt die Signatur der neuen Ökonomie vor. In einem kurzen Kapitel in »Der symbolische Tausch und der Tod« deutet Baudrillard eine solche Möglichkeit als der mediengesteuerten Ära inhärent (»Die inzestuöse Manipulation«). Wenn das Versorgtwerden dem Sorge-Tragen gegenüber bevorzugt wird, beginnt die symbolische Ordnung der Mutter, wie Baudrillard meint. Ganz im Duktus der Zeit – man möchte sogar sagen: der Jahrhundertwende und der Thesen Weiningers – definiert Baudrillard das Kind als Phallus einer kastrierten Mutter. Müßte »Mutter« aber – unter der ihr eigenen Ordnung - nicht ohne die phallische Differenz auskommen? Die Erfüllung des Mutterwunsches, die die »Neuen Kindlichen« als Erfüllung ihres eigenen Wunsches phantasieren, brandmarkt Baudrillard als eine Form der Manipulation, die im Gegensatz zu früheren Versionen »soft« daherkommt.

Die leitende Frage der Untersuchung ist also die nach der Verknüpfung eines bestimmten symbolisch beschriebenen Körpers mit dem Wert, also genauer die Frage nach der »humanen« Werteinheit, wobei für die Gegenwart Baudrillards These von der Neuen Manipulation unter dem Vorzeichen der Mutter den Rahmen abgeben soll.

Die Vorlesung führt ein in die Grundlagen der unterschiedlichen Ökonomien, wobei vor allem untersucht werden soll, in welcher Weise sie in das Feld der Kunst hineinragen bzw. dieses bestimmen. Folgende Fragestellungen werden leitend sein: erstens ist Wert überhaupt an den lebendigen Leib und seine »Energie«, also seine Fähigkeit, Werke hervorzubringen geknüpft? Zweitens welches sind die bewertenden Werte, die zu einer »Evaluation« führen? Drittens was ist ein Markt und welche sind seine Mechanismen? Viertens gibt es geschlechtsspezifische Bewertungskategorien, mit anderen Worten unterscheiden sich weiblich und männliche Werte bzw. Opfer? Fünftens wie verhalten sich daher Leib und Geld zueinander? Sechstens wie verhalten sich Geist und Geld zueinander? Siebtens gibt es überhaupt so etwas wie »alternative Ökonomien«?

 

Audio-Mitschnitte der Vorlesung

28. November 2008

12. Dezember 2008


   

 

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