Sommersemester 2012
Vorlesung Anthropologie II


TURN ON – TURN OFF
Von furor bis chillen

Die Vorlesung führt ein in die Physiognomie der Kulturen der Erregung ebenso wie in die Kulturen der Sedierung und versucht, in historischen, transkulturellen und intrakulturellen Vergleichen deutlich zu machen, wie sehr die Zustände der Subjekte von einem bestimmten Interesse an affektiver »Klimabildung« abhängig sind. Den Anfang machen kulturell privilegierte und codierte Formen der Erregung wie der Enthusiasmus, die Ekstase, der furor, der Exzess und die dionysischen Rausch-Formen, die vor allem in der Kunstproduktion eine bedeutende Rolle spielen. Die »heissen« Zustände, die mit erhöhter Kreativität, mit »Einfällen«, Prophetien und Außersichsein kombiniert sind, scheinen in der Gegenwart durch eher »coole« abgelöst worden zu sein, denen der Imperativ des chillens zur Seite zu stellen ist.

Warum erscheint die Abregung – der kontrollierte mind, das ungerührte Gemüt, der Nullpunkt der Arbeit – attraktiver als die Aufregung? Welche Überhitzungs– oder besser: Ermüdungserscheinungen zeigen sich hier? Ebenso ist zu fragen, wie genau die Kombinationen aus »heissen« und »coolen« Zuständen in Skalen der Temperierung in der Gegenwart skizziert zu werden haben. Geschlechterspezifische Zuschreibungen »geeigneter« und ent-sprechender Zuständlichkeiten und Affekte werden ein wichtiges Thema sein.

 
Audiomitschnitte der Vorlesung

23. März 2012

 

30. März 2012

(Vortrag zu Schiele und Franziskus)

3. Mai 2012

 
Literaturliste

Antonin Artaud: Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron. Aus dem Frz. von Brigitte Weidmann, Nachw. von Frieda Grafe. – München: Rogner & Bernhard 1972.

Gernot Böhme: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. – Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995.

Pierre Bourdieu: Das religiöse Feld. Texte zur Ökonomie des Heilsgeschehens. – Konstanz: Univ.-Verlag Konstanz 2000.

Giordano Bruno: Von den heroischen Leidenschaften. Übers. und hrsg. v Christiane Bacmeister, mit e.r Einl. von Ferdinand Fellmann. – Hamburg: Meiner 1989.

Anna Katharina Gisbertz: Stimmung – Leib – Sprache. Eine Konfiguration in der Wiener Moderne. – München: Fink 2009.

Lukian v. Samosata: On the Syrian Goddess. Ed. w. introd., transl. and commentary by J. L. Lightfoot. –Oxford: Univ. Press 2003.

Martin Heidegger: Über den Anfang. Hrsg. v. P.-L. Coriando. – Frankfurt/M.: Vittorio Klostermann 2005 (= Gesamtausgabe Bd. 70, III. Abt.: Unveröffentlichte Abhandlungen, Vorträge, Gedachtes).

Jochen Hörisch: „Sich in Stimmung bringen. Über poetisches und mediales Mood-and-Mind-Management", in: Stimmung. Zur Wiederkehr einer ästhetischen Kategorie. Hrsg. v. Anna-Katharina Gisbertz. – München: Fink 2011, S. 33–44.

Helena Pereña Sáez: Egon Schiele. Wahrnehmung, Identität und Weltbild. – Marburg: Tectum-Verlag 2010.

Plutarch: Über Gott und Vorsehung, Dämonen und Weissagung. Hrsg. u. eingel. v. K. Ziegler. – Zürich: Artemis 1952.

Samsonow, Elisabeth von: Egon Schiele. Ich bin die Vielen. – Wien: Passagen 2010.

Egon Schiele – »Das unrettbare Ich«. [Ausstellungskatalog Lenbachhaus München.] Hrsg. v. H. Pereña Sáez u. H. Friedel. –München: Prestel 2012.

Gerhard Schulze: Kulissen des Glücks. Streifzüge durch die Eventkultur. 2. Aufl. – Frankfurt/M.: 2002.

Trancemedien und Neue Medien um 1900: ein anderer Blick auf die Moderne. Hrsg. v. Marcus Hahn u. Erhard Schüttpelz. – Bielefeld: Transcript-Verlag 2009 (besonders der Aufsatz v. Ulrich Linse: „Mit Trancemedien und Fotoapparat der Seele auf der Spur. Die Hypnose-Experimente der Münchener ›Psychologischen Gesellschaft‹", S. 97–144).

Überdreht. Spin doctoring. Politik, Medien. Hrsg. v. Ulrike Bergermann, Christine Hanke u. Andrea Sicke. – Bremen: Thealit Frauen.Kultur.Labor 2006.