Sommersemester 2010
Vorlesung Anthropologie II


DER ANDROGYN
Sakrale Monstrosität und Philosophie der Immanenz

»Als Salome fragte, wann man das werde erkennen können, wonach sie gefragt hatte, antwortete der Herr: ›Wenn ihr das Gewand der Scham mit Füßen tretet, und wenn die zwei eins werden und das Männliche mit dem Weiblichen verbunden weder männlich noch weiblich sein wird.‹«
(Clemens von Alexandrien: Stromata II,91,2 (=dt. Teppiche wissenschaftlicher Darlegungen entsprechend der wahren Philosophie, übersetzt von O.Stählin, München 1936, S.313)

Während die Diskussionen der Gegenwart vor allem daran arbeiten, das menschliche Feld in Richtung auf jene transhumanen Dimensionen hin zu erweitern, die im Tierischen, Organischen, Technischen und Mikroorganischen gegeben sind, versucht die Vorlesung sich an einer Erweiterung in horizontaler Richtung: es wird gefragt, welche die Bedingungen für »Transhumanität« unter dem Vorzeichen von Transsexualität sein könnten bzw. danach, ob denn nicht Transsexualität eine Chiffre für alle weiteren Modi von Transhumanität sein könnte. Im Zentrum der Auseinandersetzung wird der Sakrale Androgyn und dessen gewaltige metaphysische und alchemistische Geschichte stehen. Die Figur des Androgyn wird uns dabei anleiten, den Typus des zeitgenössischen Transsexuellen in ein umfassendes Tableau einzubetten, was uns ermöglichen wird, die eso- und exoterischen Dimensionen dieser Position deutlicher zu erfassen.

Unvermeidlich wird ein Aufrollen jener christologischen Argumente und Ikonographien sein, die sich an der Doppelnatur Christi abarbeiten. Die Dogmatik der »hypostatischen Union« soll entlang der großen Häresien (Monophysiten, Arianer, Nestorianer) zum Thema verfolgt werden, was der Schärfung einer Anthropologie der »Doppelnatur« entgegenkommt. Die alchemistische Geschichte des Androgyns als »Story des synthetischen Monstrums« wird uns bereits ein ganzes Stück der zeitgenössischen Problematik näher bringen, wobei dieser Linie über die Romantik bis in die Konzepte der Jungschen Tiefenpsychologie nachgegangen werden soll. Die die Rekonstruktion und die Prognostik zum Thema Androgynie begleitende Debatte wird notwendig die zur Hybris und zum Hybriden sein. Ist der Androgyn die göttliche Hybride? Ist er der göttliche Kugelmensch? Die vollendete coincidentia oppositorum? Die Lösung und Vollendung des Geschlechterkampfs?

 
Audio-Mitschnitte der Vorlesung

16. März 2010 (Einführung)

   

17. März 2010 (Lektüre von Dionysius Areopagites)

 

14. April 2010 (Referate zu Donna Harraways Cyborg und Transhumanismus)

15. April 2010 (Was ist eine Philosophie der Androgynie?)

28. April 2010 (Zum Begriff der Differenz)

29. April 2010 (Mängelwesen und Vollkommenheit)

 

Literaturliste zur Vorlesung

Achim Aurnhammer: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur. Köln und Wien: Böhlau 1986.

Honoré Balzac: Séraphîta, in: Le livre mystique, dt.: Buch der Mystik. Erzählungen, Berlin 1925.

Hermann Baumann: Das doppelte Geschlecht. Ethnologische Studien zur Bisexualität in Ritus und Mythos. Berlin 1955

Marie Delcourt: Hermaphrodite. Mythes et rites de la bisexualité dans l'Antiquité classique. Paris 1958.

Mircea Eliade: Mephistopheles und der Androgyn. Frankfurt/Main und Leipzig 1999.

Michel Foucault: Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. Frankfurt/Main 1998.

Carl-Gustav Jung: Mysterium coniunctionis. Ges.Werke Bd.14, 1-2, Olten 1968.

Karin Orchard: Annäherungen der Geschlechter. Androgynie in der Kunst des Cinquecento. Hamburg 1992.

Platon: Das Gastmahl. Verschiedene Ausgaben.

Ursula Prinz: Androgyn. Sehnsucht nach Vollkommenheit. Ausstellungskatalog, Berlin 1986.

Andrea Raehs: Zur Ikonographie des Hermaphroditen. Begriff und Problem von Hermaphroditismus und Androgynie in der Kunst. Frankfurt/Main-Bern-New York-Paris 1990.