Hysteria

 

Die philosophische Anthropologie des Fin de Siècle kreist um die biologico-medizinische Vorstellung von der Innervation, also um das Durchzogensein des Leibes von Nerven, die nichts weniger darstellen als höchste, sich blitzartig ausbreitende Empfindlichkeit. Dem Körper wird in diesen Debatten ein neuartiger Status als selbsttätiger Automat zugesprochen, welcher sich als Idee außerordentlich fruchtbar auf die Künste auswirken sollte. Die Künste stürzen sich geradezu auf diese Idee, um aus diesem Körper, der da so exzentrisch agiert, einen Komplizen gegen die Domestikation und Disziplinierung zu machen. In diesem Sinne lässt sich im Hysterie-Diskurs des Fin de Siècle eine Urszene des body art movement ausmachen. Die Hysterici können also als diejenigen gelten, die auf der Erkenntnisgrundlage eines souveränen Körpers diesem das Gebiet des Ausdrucks überlassen. Der Verlauf der Hysterie-Debatte und ihr verdecktes Fortleben in der body art zeigen eindrücklich, wie und warum sich die Linien, die die Grenzen gegen das Pathologische, Problematische und Kranke zu ziehen versuchen, sich produktiv verschieben lassen.