DAS INFERNO
Die Pervertierung einer heiligen Unterwelt

 

Vortrag São Paolo 2002

 

Ich gehe in meinem kurzen Statement zu Form und Bild der Hölle davon aus, dass der Raum als Figur des Imaginären angesehen werden kann, der sich unter den Projektionen und Hoffnungen, die er fängt, verformt. Ich versuche, zu zeigen, unter welcher Projektionsladung bzw. unter welchem Projektionsdruck sich der Raum krümmt, faltet, sich abschließt oder öffnet und dergleichen mehr, d.h. ich untersuche die Ursachen seiner Verwerfung, wobei mit »Verwerfung« auch die problematische Lesung bzw. die Denunziation ihm ursprünglich eingeschriebener, nun überholter älterer Projektionen gemeint sein kann. Die Kosmologie ist so als Arbeitsfeld einer imaginären Protoplastik zu betrachten, die die Extroversion der Version einer unter Druck geratenen Psyche darstellt. Die Kosmologie ist also auch die Geschichte einer unendlichen kollektiven Paranoia, die phantastische Motive mit Erfahrungsbeständen auf kühne Weise zur Synthese bringen muß. Die Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit der alten kosmologischen Texte scheint darauf zu beruhen, dass in ihnen eine erste, aber VERGESSENE Erfahrung in ihren wesentlichen Merkmalen einer konstruktiven, phantasmatischen Überarbeitung öffnet.

»O Ei des Wassers, Urquell der Erde, Eischale der Achtheit, Großer am Himmel, Großer in der Unterwelt, Nestbewohner an der Spitze des Sees, mit dir zugleich bin ich aus dem Wasser hervorgekommen, mit dir zugleich verlasse ich dein Nest.« (Sargtexte)

»Am Anfang schuf Elohim den Himmel und die Erde; die Erde aber war eine Wüstenei und Öde; Finsternis lag über dem Abgrund, und der Geist schwebte über den Wassern.« (Genesis 1)

»Es entstehe ein festes Gewölbe inmitten der Wasser und bilde eine Scheidewand zwischen den beidseitigen Wassern.« (Genesis 6)

Diese mythische Form des Kosmos, die sich mit der Emergenz des Festen aus dem Flüssigen ergibt, bebildert diese erste vergessene Erfahrung oder Nicht-Erfahrung, diese erste, unverfügbare Erfahrung, und buchstabiert sie poetisch nach. Sie entsteht aus der Arbeit an der unbewußten oder Nicht-Erfahrung als Ordnungsfigur.

Die alten Texten sprechen fast ausnahmslos von einer Ausfällung des Festen aus dem Flüssigen, von der Zusammenballung des Festen in einer Mitte, der wiederum in einem zweiten Schritt die ringförmige Anordnung des Äußeren um diese Mitte herum folgt. Diese Vorstellung einer ontologischen Rundheit beruht auf einer Auffassung des Seins als Ewiges Drinnen, an dem es buchstäblich keine Äußerlichkeit geben kann. Bei näherer Betrachtung offenbart sie sich als eine in sich kompensatorisch angelegte Struktur, die nicht so sehr die Geburt beschreibt, als sie vielmehr mit allen Mitteln leugnet. Die embryonale Ontologie des Schoßraumes, der Sphären, der Höhlen setzt die Vorstellung eines primären Enthaltenseins auch nach dem »Hüllenwechsel (Sloterdijk) fort. Die Hartnäckigkeit dieser Vorstellung drückt sich in den architektonischen Versuchen, sich in ringförmigen Siedlungen abzuschließen, die als Imitation einer ersten Höhlenwohnung deutlich erkennbar bleiben, aus. Es läßt sich also sagen, dass die erste Raumphantasie, die erste Raumverwerfung, die den Raum zur Höhle oder Sphäre krümmt, in einer Perpetuierung des Fötallebens ihre Wunschmaschine hat, die den Schock des Hüllenwechsels vertuscht und die Panik, die ein unbekanntes Draußen verursacht, in ihrer Möglichkeit negiert.

Dass der erste Raum, also auch der Kosmos, durch die Mutter-Imago besetzt war, und zwar einer Mutter ohne Gesicht, die man von Innen her als Ambiente wahrnahm, heißt nicht, dass dieser Raum deshalb der Prototyp aller bewohnbaren Geräumigkeit im Sinne einer Annehmlichkeit erkannt werden müßte. Es scheint vielmehr so, dass die Krümmung, die nun jeder Raum in Nachahmung der Ur-Mutter zu leisten hat, der Anfang einer weitergehenden Verwerfung ist, die den Namen Perversion verdient. Insofern in der Ur-Höhle nicht nur die Unverfügbarheit der Ersterinnerung ihr Emblem hat, sondern zugleich die Weigerung, geboren zu sein, in der Krümmung der Gefäßwand zur signifikanten Form wird.

Es ist also nicht ganz in sich schlüssig, wollte man die Ontologie der Höhle zur wahren Ontologie der Anfänge des Menschengeschlechts verklären, die nun seit der Öffnung des Schalenkosmos ein für alle Male verspielt sei. In ihr ist auf jeden Fall auch jenes dramatische Muster abgedrückt, das die geborenen Körper in ihrer eigenen Raumwahrnehmung hinterlassen und das nach einer Auffassung von Stanislaw Grof einer »perinatalen Matrix« entlang verläuft.

Meiner Auffassung nach spielt dieser Umstand eine nicht zu unterschätzende Rolle in jenem Szenario, das den ersten Schoßraum zur Hölle oder zum Inferno entstellt hat. Der Druck, der die Wände krümmte, konnte sich gewissermaßen auf das Interieur fortsetzen und dort ein Werk vollenden, das die Degeneration des symbolischen Ensembles auf der ganzen Linie beinhaltete.

Man sieht den Schoßraum allerdings als zentrales Thema in überaus großer Beständigkeit bis in die Neuzeit hineinreichen, wobei sich der Charakter der Autorität dieses Schoßes, genauer: sein Geschlecht in einem langwierigen Ungestaltungsprozeß seit der Antike geändert hat. Wie Paulus in der Areopagrede gesagt hat, lebt man fortan in einem fremden Gott, der nicht nur als der große Behälter imaginiert wird, sondern als das Leibnizsche Sensorium, mittels dessen Gott seiner Schöpfung gegenwärtig ist. Der gekrümmte Raum ist also attribuitionslogisch nicht mehr der dunkle Ort der Geburtsleugnung, der starke Raum für traumatisierte Existenzen, die er nicht nur birgt, sondern zugleich verbirgt, sondern der Supervisionsraum einer männlichen Gottheit. Es ist nicht mehr die Mutter, die ihre gesichtslose Identität dem Raum leiht, sondern der Vater, in dem man sich allerdings immer noch eingeschlossen fühlt. Der umschließende Vater birgt oder verbirgt nicht, sondern umzingelt die Kreatur mit seiner Allwissendheit. Es kommt zu einer unangenehmen Wahrnehmung des Eingeschlossenseins in einen allwissenden, allsehenden und strafenden Vater. Die männliche Besetzung des Schoßraumes erzeugt allmählich eine sich steigernde klaustrophobische Angst, die die Druckverhältnisse innerhalb des Primärraumes verändert. Wo sich zuerst eine Weigerung gegenüber dem Geborenwerden einen Raum geschaffen hat, in dessen Verwerfungen das ursprüngliche Trauma verborgen werden konnte, wird nun das alternativelose Drinnensein zur Katastrophe. Die ungeheure Unlust, die dieses Im-Vater-Sein bereitet, wird einem Grundsatz entsprechend, den Freud formuliert hat, wiederum durch Entstellung geleugnet.

Nun geschieht zweierlei: Der Druck auf die umhüllende Gefäßwand bringt die kosmischen Schalen zum Bersten, es kommt zu einer Phantasie der befreienden Offenheit als Welt; als Entstellung des älteren Wunsches des Nicht-Geborenwerdens wird eine neue Version der Geburtsleugnung in Umlauf gebracht, die bestreitet, jemals in einem Drinnen sich befunden zu haben. Wieder geht die imaginäre Attacke auf den Hüllenwechsel, aber diesmal behauptet sich die Idee, man sei immer schon im Offenen gewandelt. Das Durchstoßen der Schalen, dem man geistesgeschichtlich etwa ein Datum um 1500 zuweisen darf, wird nicht so sehr als Durchbruchsfest gefeiert, sondern als Auffinden einer vorgängigen, die bestehende diffamierende oder abwertende Wahrheit deklariert. Die Vorbereitungshandlungen der Imagination des offenen, unendlichen Universums werden also notwendigerweise von den Entstellungsversuchen der geschlossenen Dunkelwelt begleitet, was als historischer Umstand wohlbekannt ist, aber meiner Ansicht nach nicht schlüssig gedeutet. Man darf davon ausgehen, dass in der simultanen Virulenz des offenen Universums und der Uteruspanik, um es einmal zu nennen, in der Höllenimago sich ein und dieselbe tiefreichende Zensur Ausdruck verschafft. Die Entstellung des gekrümmten Zentralraumes malt eine Hölle aus, in der das alte symbolische Kollektiv, das einst die Menschenfabrik im Erduterus in Gang gehalten hatte, nach wie vor am Werk ist. Da sieht man den Kessel der Wiedergeburt in voller Aktion, darin die Menschenleiberchen fertig gekocht werden, als neuartiges Instrument einer bevorstehenden Endzeittortur sich inszenieren. Die Elementargeisterchen, die die feinen kleinen Organe »backen«, erblickt man eifrig ihre Geräte - dem bäuerlichen entlehnte Harken, Löffel, Stangen - schwingen. Sogar der Drache ist nicht vergessen worden, der heilige Geburtskanal, ein wichtiges Höllenrequisit, das nunmehr die in den Visionen kolportierte Aufgabe hat, nur recht greulich aus dem Maul zu stinken, derart, dass es vollkommen unbeschreiblich ist. Außerdem verschlingt dieser Drache die angeblich ankommenden Seelen, was heißt, dass nun der Film einfach zurückgespielt wird und aus dem »Standphoto«, dem visuellen ikonographischen Set, ein Schluß gezogen wird, der die Dinge nicht nur pervertiert, also verdreht, sondern sie sogar zurückdreht. Die Leugnung, geboren zu sein, setzt die Höllenvision konsequent ins Futur. Sie war nicht, sie präsentiert nicht eine entstellte unverfügbare Erinnerung, sondern vergiftet als bevorstehende eine fragile Existenz. Die Annulierung der Geburt findet hier insofern ihren ikonographischen Niederschlag, als die Höllenbilder und überhaupt die Jenseitsvisionen desselben Typs ausschließlich von Erwachsenen bevölkert werden und die »Kleinen« ebenfalls in die Klasse der scheußlich gewordenen Existenzen - etwa in Form der widerwärtigen zwergwüchsigen Gesellen in Hieronimus Boschs Gemälden - inkorporiert werden.

Es ist natürlich klar, dass in der symbolischen Zeit - in illo tempore - Vergangenheit und Zukunft dieselben bzw. austauschbare Modi sein müssen. Aber es ist auch klar, dass die Verwerfung oder Verdrehung eines symbolischen Regimes die Verdrehung der Zeitperspektiven und damit diese Konvertibilität auslöst, wobei die Prämisse Gültigkeit behält, dass es in der psychischen Ökonomie keinen Abfall, sondern nur eine intrikate Recycling-Wirtschaft geben kann, die das Ausrangierte oder Fortzuwerfende anders ettikettiert und damit zu entwerten sucht. Parallel zur Inversion der imaginären Zeitzonen findet eine Inversion der Bewertung des zentralen Höhlenraumes statt, der eben statt »gut« »sehr schlecht« wird, ohne dass es allerdings gelänge, ihn im Zuge seiner Abwertung aus der kosmischen Mitte zu entfernen. Die Pervertierung des Inferno wird durch die negative Besetzung der Mitte vollendet, wodurch es zu jenem von Sloterdijk als Infernozentrismus bezeichnetem Phänomen der europäischen Kosmologie kommt.

Es zumindest nicht ausgeschlossen, dass die moderne und postmoderne Abneigung gegen die Mitte - wobei Moderne und Postmoderne die Mitte als wirksamen Topos einer reaktionären und allzu konservativen Ideologie diagnostizieren - sich insgeheim nicht doch noch etwas aus dieser Vorgeschichte des zentralen Ortes inspiriert. Warum das Dezentralisierte, das keiner Mitte mehr Verbundene, als Figur einer neuen Freiheit erkannt wird, mag vielleicht auch darin seinen Grund finden, dass mit ihr die Vorstellung einer gewissen Geschichtslosigkeit, eines Neuanfangs, der sich keiner älteren Erkenntnis- oder Seinsstufe verdankt, einhergeht. Insofern gehören gewiß das Dezentralisierte, die Peripherie, das Immanenzfeld etc. zu einer neueren Gattung der logischen Leugnung der Geburtlichkeit. Wir sind keine Infernali, wir waren nie dabei; niemals hätten wir uns die in Enge/angustiae einer zu heißen und in seiner Gemütlichkeit ambivalenten Gemütlichkeit einkreisen lassen.