o.Univ.Prof.Dr. Elisabeth von Samsonow
Philosophische und historische Anthropologie der Kunst
Sommersemester 2020

Anthropologie II

ECO SEX.

 
Wie die Lust auf die Natur verschieben?
Die Vorlesung nimmt den Faden bei zeitgenössischen Kunstpraxen auf, wie sie von Annie Sprinkle und Beth Edelson ins Spiel gebracht worden sind. Deren Idee besteht darin, die erotische Aktivität auf „ambient love“ zu verschieben, also eine Art postgenitale (oder prägenitale) Form des Sex aus Gründen des radikalisierten ökologischen Standpunktes zu propagieren. Ihre Position lässt sich anschließen an die dunkle Prophetie Byung-Chul Hans in seinem Text von 2012 „Agonie des Eros“, in welchem er einen Spannungs- und Wirkungsabfall für die traditionelle Liebes- und Sexkonstellation diagnostiziert. Die Vorlesung spinnt den Faden von vorne nach rückwärts, zurück in die Geschichte: ausgehend von zeitgenössischen Autorinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen und deren Werken und Texten wird der (theoretische, symbolische, ökologische) Zusammenhang mit jenen symbolischen Regimen, Kulten und Ökonomien aufgerollt, die mit Gilles Deleuze als Politiken der (Re)Territorialisierung zu verstehen sind. Dazu gehören beispielweise der Kult von Heliopolis und seine sagenhafte Erdspalte, der Hain des Apoll von Dendera, wo aus dem Rauschen des Eichenlaubs die Orakel gelesen wurden, das Heiligtum der Ptyhia von Delphi, die Augurenpraxis der Römer und die spätantiken Widder-Ordale.
Die Vorlesung dient der Auseinandersetzung mit einem zeitgenössischen Thema von hoher Brisanz, und zum zweiten als Entwicklungsplattform für eine von Elisabeth von Samsonow kuratierte experimentelle Ausstellung, die für November 2020 im Rahmen von THE DISSIDENT GODDESSES‘ NETWORK mit Studierenden geplant ist.

Ausstellung bei SMOLKA CONTEMPORARY, Albertinaplatz Wien:
MEGA MAMA. Art Talks Truth
Das Thema Ökologie lässt niemanden kalt. Im Unterschied zur ersten „heißen“ Phase der Formierung eines ökologischen Bewusstsein in den siebziger Jahren, in welcher es vor allem darum ging, die technischen Mittel der Umweltbeherrschung zu optimieren (also „Umweltschutz“ im Sinne der Garantie fortwährender Verfügbarkeit der Natur als Ressource), wird in der aktuellen Debatte das enorme Defizit in Bezug auf die Möglichkeit des Verstehens, Gewärtigens und angemessenen Interagierens mit „Natur“ und „Erde“ schmerzlich erkannt. Das Projekt MEGA MAMA umkreist also genau diese Lücke, von der her eine neue Ökologie entworfen werden muss, die nicht nur eine Ökologie der Verwaltung der Materien ist, sondern eine Ökologie des Geistes und der Beziehungen. Die Ausstellung konzentriert sich daher auf folgenden Punkt: wie kann die Erde als Subjekt „Göttin“ artikuliert werden? Welche affektiven, geo-psychologischen, psycho-ökonomischen, futuristischen, phantastischen und primär-psycho-ökologischen Dimensionen können entworfen werden? Wie wird man leben, wenn man auf oder in einer „Göttin“ lebt? Welche Erinnerungen, Träume und Forderungen impliziert das Subjekt „Göttin“? Wie kann Kunst das Upgrade der Erde zum Subjekt „Göttin“ begleiten und projizieren? Welchen Anteil kann Kunst an der Erfindung/ Entdeckung neuer Formen von Subjektivität haben? Welches Programm, welche molekulare Partikel hat die Kunst für eine Welt, die kommt?
Die Ausstellung wird intensiv vorbereitet durch die Vorlesung, die Elisabeth Samsonow an der Akademie der bildenden Künste im Sommersemester 2020 hält ( ECO SEX. Wie die Lust auf die Natur verschieben);
 
Abhaltungstermine:
20.3., 27.3., 15.5., 29.5., 12.6.
 
Audiodaten
20.3.2020

 
27.3.2020